Skip to content
1804–1875

Erinnerung.

Eduard Mörike

Jenes war zum lezten Male, Daß ich mit dir ging, o Clärchen! Ja, das war das lezte Mal, Daß wir uns wie Kinder freuten.

Als wir durch die sonnenhellen, Regnerischen Straßen liefen, Unterm seidnen Schirme eilend, Beide heimlich eingeschlossen,

Wie in einem Feenstübchen, Endlich einmal Arm in Arme! Wenig wagten wir zu reden, Denn das Herz schlug zu gewaltig,

Beide merkten wir es schweigend, Und ein Jedes schob im Stillen Des Gesichtes glüh'nde Röthe Auf den Widerschein des Schirmes.

Ach, ein Engel warst du da! Wie du auf den Boden immer Blicktest, und die blonden Locken Um den hellen Nacken fielen.

„jezt ist wohl ein Regenbogen An dem Himmel,“ sagt' ich einmal: Dann in meinem frohen Muthe Sprach ich weiter diese Worte:

„käm' auch keiner mehr an Himmel, Wär' es gar nicht zu verwundern, Denn die Leute ziehn ja selber Seine bunten Bogenstreifen

Zu sich nieder auf die Gassen. Sieh nur, wie sie sich beeilen! Jeder mit dem Regendache Führet einen andern Farben-

Bogen über seinem Haupte, Jeder springt mit seinem Raube, Blaue, rothe, violete, — Alles nehmen sie mit fort.“

Und du lächeltest und bogest Mit mir um die lezte Ecke. Und ich bat dich um ein Röslein, Das du an der Brust getragen,

Und du reichtest mir's im Gehen Schnelle hin, das süße Röslein; Zitternd hob ich's an die Lippen, Küßt' es brünstig zwei- und dreimal,

Niemand konnte dessen spotten, Keine Seele hat's gesehen, Und du selber sahst es nicht. An dem fremden Haus, wohin

Ich dich zu begleiten hatte, Standen wir nun, weiß'st, ich drückte Dir die Hand und — Dieses war zum lezten Male,

Daß ich mit dir ging, o Clärchen! Ja, das war das lezte Mal, Daß wir uns wie Kinder freuten.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Erinnerung. · Eduard Mörike · Poetry Cove