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1804–1875

Die Elemente.

Eduard Mörike

Am schwarzen Berg da steht der Riese, Steht hoch der Mond darüber her; Die weißen Nebel auf der Wiese Sind Wassergeister aus dem Meer:

Ihrem Gebieter nachgezogen, Vergiften sie die reine Nacht, Aus deren hochgeschwungnem Bogen Das volle Heer der Sterne lacht.

Still schaut der Herr auf seine Geister, Die Faust am Herzen fest geballt; Er heißt der Elemente Meister, Heißt Herr der tödtlichen Gewalt;

Ein Gott hat sie ihm übergeben, Ach, ihm die schmerzenreichste Lust! Und namenlose Seufzer heben Die ehrne, göttergleiche Brust.

Die Keule schwingt er jezt, die alte, Vom Schlage dröhnt der Erde Rund, Dann springt durch die gewalt'ge Spalte Der Riesenkörper in den Grund.

Die fest verschlossnen Feuer tauchen Hoch aus uraltem Schlund herauf, Da fangen Wälder an zu rauchen Und prasseln wild im Sturme auf.

Er aber darf nicht still sich fühlen, Beschaulich im verborgnen Schacht, Wo Gold und Edelsteine kühlen Und hellen Augs der Elfe wacht:

Nach einem unverrückten Willen, Der blüht in der Gestirne Flur, Muß er die ew'gen Kräfte stillen Mit Lust und Schrecken der Natur.

Soll er den Flug von hundert Wettern Laut donnernd durcheinander ziehn, Des Menschen Hütte niederschmettern, Verderben auf das Meerschiff sprühn,

Da will das edle Herz zerreißen, Da sieht er schrecklich sich allein: Und doch kann er nicht würdig heißen, Mit Göttern ganz ein Gott zu seyn.

Noch aber blieb ihm Nachdem er Land und Meer bewegt, Wenn er bei Nacht auf öder Haide Die Sehnsucht seiner Seele pflegt.

Da hängen ungeheure Ketten Aus tiefstem Wolkenraum herab, Dran er, als müßten sie ihn retten, Sich schwingt zum Himmel auf und ab.

Dort weilen rosige Gestalten In heitern Höhen, himmlisch klar, Und fest an goldnen Seilen halten Sie schwesterlich das Kettenpaar;

Sie liegen ängstlich auf den Knieen Und sehen sanft zum wilden Spiel, Und wie sie im Gebete glühen, Löst, wie ein Traum, sich sein Gefühl.

Denn ihr Gesang tönt mild und leise, Er rührt beruhigend sein Ohr: O folge harmlos deiner Weise, Dazu Allvater dich erkor!

Dem Wort der Sterne kannst du trauen, Laß dein Gemüth in ihnen ruhn! Das Tiefste wirst du endlich schauen, Begreifen lernen all dein Thun.

Und wirst nicht länger menschlich hadern, Wirst schaun der Dinge heil'ge Zahl, Wie in der Erde warmen Adern, Wie in dem Frühlingssonnenstrahl,

Wie in des Sturmes dunkeln Falten Des Vaters göttlich Wesen schwebt, Den Faden freundlicher Gewalten, Den Geist der holden Eintracht webt.

Einst wird es kommen, daß auf Erden Sich höhere Geschlechter freun, Und heitre Angesichter werden Des Ewig-Schönen Spiegel seyn,

Wo aller Engelsweisheit Fülle Der Menschengeist in sich gewahrt, In neuer Sprachen Kinderhülle Sich alles Wesen offenbart.

Und auch die Elemente mögen Die freie, gottbewußte Kraft In Frieden auf und niederregen, Die nimmermehr Entsetzen schafft;

Dann, wie aus Nacht und Duft gewoben, Vergeht dein Leben unter dir, Mit lichtem Blick steigst du nach Oben, Denn in der Klarheit wandeln wir.

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