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1804–1875

An einem Wintermorgen.

Eduard Mörike

O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe! Welch neue Welt bewegest du in mir? Was ist's, daß ich auf einmal nun in dir Von sanfter Wollust meines Daseyns glühe?

Einem Krystall gleicht meine Seele nun, Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen; Zu fluthen scheint mein Geist, er scheint zu ruh'n, Dem Eindruck naher Wunderkräfte offen,

Die aus dem klaren Gürtel blauer Luft Zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft. Bei hellen Augen glaub' ich doch zu schwanken, Ich schließe sie, daß nicht der Traum entweiche;

Seh' ich hinab in holde Feenreiche? Wer hat den bunten Schwarm von Bildern und Gedanken Zur Pforte meines Herzens hergeladen, Die glänzend sich in diesem Busen baden,

Goldfarb'gen Fischlein gleich im Gartenteiche? Ich höre bald der Hirtenflöten Klänge, Wie um die Krippe jener Wundernacht, Bald weinbekränzter Jugend Lustgesänge:

Wer hat das friedenselige Gedränge In meine traurigen Wände hergebracht? Und welch Gefühl entzückter Stärke, Indem mein Sinn sich frisch zur Ferne lenkt?

Vom ersten Mark des heut'gen Tags getränkt, Fühl' ich mir Muth zu jedem frommen Werke! Die Seele fliegt, so weit der Himmel reicht, Der Genius jauchzt in mir; — doch sage,

Warum wird jetzt der Blick von Wehmuth feucht? Ist's ein verloren Glück, was mich erweicht? Ist es ein werdendes, was ich im Herzen trage? — Hinweg, mein Geist! hier gilt kein Stillestehn;

Es ist ein Augenblick, und — Alles wird verwehn! Dort sieh! am Horizont lüpft sich der Vorhang schon, Es träumt der Tag, nun sey die Nacht entflohn, Die Purpurlippe, die geschlossen lag,

Haucht, halbgeöffnet, süße Athemzüge, Auf einmal blitzt das Aug', und, wie ein Gott, der Tag Beginnt im Sprung die königlichen Flüge!

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