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1892

Zwischen Weinen und Lachen

Christian Morgenstern

Zwischen Weinen und Lachen schwingt die Schaukel des Lebens. Zwischen Weinen und Lachen fliegt in ihr der Mensch.

Eine Mondgöttin und eine Sonnengöttin stoßen im Spiel sie hinüber, herüber.

In der Mitte gelagert: Die breite Zone eintöniger Dämmerung. Hält das Helioskind

schelmisch die Schaukel an, übermütige Scherze, weiche Glückseligkeit dem Wiege-Gast

ins Herz jubelnd, dann färbt sich rosig, schwingt er zurück, das graue Zwielicht,

und jauchzend schwört er dem goldigen Dasein dankbare Treue. Hat ihn die eisige Hand

der Selenetochter berührt, hat ihn ihr starres Aug, Tod und Vergänglichkeit redend, schauerlich angeglast,

dann senkt er das Haupt, und der Frost seiner Seele ruft nach erlösenden Tränen. Aschfahl und freudlos

nüchtert ihm nun das Dämmer entgegen. Wie dünkt ihm die Welt nun öde und schal.

Aber je höher die eine Göttin die Schaukel zu sich emporzieht – je höher schießt sie auch drüben empor.

Höchstes Lachen und höchstes Weinen, eines Schaukelschwungs Gipfel sind sie.

Wenn die Himmlischen endlich des Spieles müde, dann wiegt sie sich langsam aus.

Und zuletzt steht sie still und mit ihr das Herz des, der in ihr saß.

Zwischen Weinen und Lachen schwingt die Schaukel des Lebens. Zwischen Weinen und Lachen fliegt in ihr der Mensch.

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