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1892

Sonnenuntergang

Christian Morgenstern

Am Untersaum des Wolkenvorhangs hängt der Sonne purpurne Kugel.

Langsam zieht ihn die goldene Last zur Erde nieder, bis die bunten Falten

das rotaufzuckende Grau des Meeres berühren. Ausgerollt ist der gewaltige Vorhang.

Der tiefblaue Grund, unten mit leuchtenden Farben breit gedeckt, bricht darüber

in mächtiger Fläche hervor, karg mit verrötenden Wolkenguirlanden durchrankt und mit silbernen Sternchen

glitzernd durchsät. Aus schimmernden Punkten schau ich das Bild einer ruhenden Sphinx

kunstvoll gestickt. Eine Ankerkugel, liegt die Sonne im Meer. Das eintauchende Tuch,

schwer von der Nässe, dehnt sich hinein in die Flut. Die Farben blassen, mählig verwaschen.

Und bald strahlt vom Himmel zur Erde nur noch der tiefe, satte Ton

blauschwarzer Seide.

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