Skip to content
1892

Sonnenaufgang

Christian Morgenstern

Wer dich einmal sah vom Söller des Hochgebirgs, am Saum der Lande emporsteigen,

aus schwarzem Waldschoß emporgeboren, oder purpurnen Meeren dich leicht entwiegend –

wer dich einmal sah die bräutliche Erde aufküssen aus Morgenträumen,

bis sie, von deiner Schwüre Flammenodem heiß errötend, dir entgegenblühte,

in der zitternden Scham, in dem ahnenden Jubel jungfräulicher Liebe – der breitet die Arme

nach dir aus, dem lösest die Seele du in Seufzer tiefer Ergriffenheit,

oh, der betet dich an, wenn beten heißt: zu deiner lebenschaffenden Glutenliebe

ein Ja und Amen jauchzen – wenn beten heißt: in den Ätherwellen des Alls bewußt mitschwingen,

eins mit der Ewigkeit, leibvergessen, zeitlos, in sich der Ewigkeit flutende Akkorde –

wenn beten heißt: stumm werden in Dankesarmut, wortlos

sich segnen lassen, nur Empfangender, nur Geliebter ... Wer dich einmal sah

vom Söller des Hochgebirgs!

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.