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1892

Einer Jugendfreundin

Christian Morgenstern

Du warst ein reines Licht an meinem Wege, ein Licht, darauf dem Auge wohl zu ruhn. Und wer dir nahte, pries dein helles Tun, und manch ein Herz genas in deiner Pflege.

Die Gottheit, der dein Wesen ganz zu eigen, zu Leben ward sie dir aus leerem Klang; in deiner Seele wurde zu Gesang, was andre ehren als das große Schweigen.

Du bliebst ein Weib, geschaffen nicht, zu treten in einen Kampf, den Männer kaum bestehn, ein Weib, so schön in seinem Trieb zu sehn, zu lieben und in Liebe anzubeten.

Das deutsche Pfarrhaus, eine stille Quelle des Besten und der Besten unsrer Welt, sein Geist ist dein. Von seinem Glanz erhellt, erfandst du dir zuletzt die eigne Helle.

Du teures Licht, mir einst so lieblich nahe, – daß dir des Sturmes Fittich gnädig sei! Daß erst, wenn du dich selbst gibst freudig frei, Dein Gott dich von dir selbst zurück empfahe!

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