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1892

Der Abend

Christian Morgenstern

Sah ich dich nicht schon einmal, lichtloser Sinnierer? ... Sah ich dich nicht schon viel vielemal? ...

Wenn ich des Tages Straße hinabgegangen und im Dämmer, trauriger Träume schwer,

saß und hinaus sann in Blut und Schatten und in die brechenden Blicke erstarrenden Lebens ...

Lagst du da nicht am Wegrand, den Rücken am letzten Meilenstein,

schwer-lässig den Leib ellbogengestützt, aus überernsten, verschatteten Augen über des Irdischen Wandel

brütend? ... Warf ich mich da nicht vor dich hin und vergrub mich

in deine Augen und ward mit dir eins und brütete selber aus ihren Höhlen

hinaus in die Landschaft? ... Und dann sah ich noch einmal im Geist die langen Menschenzüge des Tags

des Weges wallen, wie sie dem Goldtor des Morgens fröhlich entsprangen, Blumen im Haar

und sorglosen Lachens voll; wie der und jener zu Staube dann glitt und immer mehr

sanken, stürzten – bis endlich der heiße Mittag müdrastender Völker schläfrige Lager fand.

Dann wieder Aufbruch, klingendes Spiel, neue Siege der Kraft, neue Opfer.

Wohin zogen sie aus, die Morgenscharen? Wo winkt ihr Ziel? Wohin leuchten

aufblitzende Sterne? Dort liegt es –: Ein dunkles Tor, drin alle verschwinden,

langsam, auf ewig. Laß mich! Aus deinen kalten,

unsterblichen Augen kann ich nicht länger schaun; denn unendliches Weinen drängt mir empor, –

und es sinken erbarmungsvoll Tränen der Schwermut wie Schleier zwischen den Sterblichen

und das Bild seines grausamen Schicksals.

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