Skip to content
1810

Die Jungfrau von Athen

Wilhelm Müller

Rosensträuche thät ich pflanzen unter meinem Fensterlein, Und sie blühen und sie duften in die Kammer mir herein; Und die Nachtigallen singen in den Zweigen Lieb' und Lust – Schweigt, ihr Vöglein, noch ein Weilchen! – Ist es euch denn nicht bewußt,

Daß mein Liebster ist gezogen in das Feld mit Lanz' und Schwert, Für das heil'ge Kreuz zu kämpfen und für einen freien Herd? Saht ihr nicht, wie ich vom Halse meine Perlenschnüre band, Und sie gab dem heil'gen Priester für das liebe Vaterland?

Saht ihr nicht, daß meine Haare ich seit Monden nicht geschmückt? Saht ihr wohl, daß eine Rose ich so lange hier gepflückt? Schweigt, ihr Vöglein, noch ein Weilchen, bis der Liebste wiederkehrt, Und uns neue, schöne Weisen zu der Freiheit Preise lehrt.

Blüht, ihr Rosen, noch ein Weilchen, und ich bind' euch mir zum Kranz, Wann den Siegern wir entgegen ziehn mit Sang und Spiel und Tanz! Ach, und kehrtest du, mein Liebster, mit den Andern nicht zurück, Ach, wo sollt' ich mich verbergen vor der Freude, vor dem Glück?

Bei den Rosensträuchen säß' ich, bände Dornenkränze hier, Und ein Vöglein aus dem Schwarme blieb' und klagte wohl mit mir.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Die Jungfrau von Athen · Wilhelm Müller · Poetry Cove