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1794–1827

Die Blutorange.

Wilhelm Müller

Hört' ich heut' ein Mährchen sagen Von der blutigen Orange Und der Blüthe der Granate. Also sprach der kluge Gärtner:

Golden, wie noch heut' die Schale, Glühten einst die innern Säfte Dieser würzigen Orangen Von dem Baume hier am Ufer.

Und ein Sprößling der Granate, Jung und schlank, wuchs auf daneben. Als der Winter zog von dannen, Trieb das Bäumchen erste Knospen,

Und gleich heißen Blutes Flammen Brachen Blüthen aus den Keimen. Und die Nachbarin Orange, Staunend, wie in Liebesandacht,

Bog die hohen Zweige schmachtend Nach der fremden Gluth hinüber, Daß die Silberblüthen alle Offnen Auges landwärts schauten,

Und das Meer nur Grünes sahe. Und als nun der Herbst gekommen, Und den ersten goldnen Apfel Prüfend ich vom Baume pflückte,

Ward mir klar der Zweige Schwanken Und der Blüthen seltsam Drängen: Denn gleich heißen Blutes Flammen, Voll, wie langverhalt'nes Sehnen,

Floß der Saft aus goldner Schale. Also sprach der kluge Gärtner, Und ich pflückte mir Orangen Von dem seltnen Uferbaume.

Ist zu Ende nun die Sage, Schweig' auch ich, und was im Herzen Mir sich regt mit jedem Schlage, Hat sich heute still getrunken

In dem kühlen Wundersafte, Und so send' ich ohne Deutung, Freundin, dir die Gärtnersage.

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