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1794–1827

Der Glockenguß zu Breslau.

Wilhelm Müller

Zu Breslau in der Stadt, Ein ehrenwerther Meister, Gewandt in Rath und That. Er hatte schon gegossen

Viel Glocken, gelb und weiß, Für Kirchen und Kapellen Zu Gottes Lob und Preis. Und seine Glocken klangen

So voll, so hell, so rein: Er goß auch Lieb' und Glauben Mit in die Form hinein. Doch aller Glocken Krone,

Die er gegossen hat, Das ist die Sünderglocke Zu Breslau in der Stadt. Im Magdalenenthurme

Da hängt das Meisterstück, Rief schon manch starres Herze Zu seinem Gott zurück. Wie hat der gute Meister

So treu das Werk bedacht! Wie hat er seine Hände Gerührt bei Tag und Nacht! Und als die Stunde kommen,

Daß Alles fertig war, Die Form ist eingemauert, Die Speise gut und gar. Da spricht der Glockenmeister

Zu seinem Bübelein: Ich lass' ein kurzes Weilchen Beim Kessel dich allein. Will mich mit einem Trunke

Noch stärken zu dem Guß; Das giebt der zähen Speise Erst einen rechten Fluß. Doch hüte dich, und rühre

Den Hahn mir nimmer an: Sonst wär' es um dein Leben, Fürwitziger, gethan! Der Bube steht am Kessel,

Schaut in die Gluth hinein: Das wogt und wallt und wirbelt, Und will entfesselt sein. Und zischt ihm in die Ohren,

Und zuckt ihm durch den Sinn, Und zieht an allen Fingern Ihn nach dem Hahne hin. Er fühlt ihn in den Händen,

Hat schnell ihn umgedreht: Da wird ihm angst und bange, Er weiß nicht, was er thät. Und läuft hinaus zum Meister,

Die Schuld ihm zu gestehn, Will seine Knie' umfassen Und ihn um Gnade flehn. Doch wie der nur vernommen

Des Knaben erstes Wort, Da reißt die kluge Rechte Der jähe Zorn ihm fort. Er stößt sein scharfes Messer

Dem Buben in die Brust, Dann stürzt er nach dem Kessel, Sein selber kaum bewußt. Vielleicht, daß er noch retten,

Den Strom noch hemmen kann: — Doch sieh, der Guß ist fertig, Es fehlt kein Tropfen dran. Da eilt er abzuräumen,

Und sieht, und will's nicht sehn, Ganz ohne Fleck und Makel Die Glocke vor sich stehn. Der Knabe liegt am Boden,

Er schaut sein Werk nicht mehr. Ach, Meister, wilder Meister, Du stießest gar zu sehr! Er stellt sich dem Gerichte,

Und klagt sich selber an: Es thät den Richtern wehe Wohl um den wackern Mann. Doch kann ihn Keiner retten,

Und Blut will wieder Blut: Er hört sein Todesurthel Mit gar gefaßtem Muth. Und als der Tag gekommen,

Daß man ihn führt hinaus, Da wird ihm angeboten Der letzte Gnadenschmaus. Ich dank' euch, spricht der Meister,

Ihr Herren lieb und werth, Doch eine andre Gnade Mein Herz von euch begehrt. Laßt mich nur einmal hören

Der neuen Glocke Klang! Ich hab' sie ja bereitet: Möcht' wissen, ob's gelang. Die Bitte ward gewähret,

Sie schien den Herr'n gering, Die Glocke ward geläutet, Als er zum Tode ging. Der Meister hört sie klingen,

So voll, so hell, so rein: Die Augen gehn ihm über, Es muß vor Freude sein. Und seine Blicke leuchten,

Als wären sie verklärt: Er hatte in dem Klange Wohl mehr als Klang gehört. Hat auch geneigt den Nacken

Zum Streich voll Zuversicht; Und was der Tod versprochen, Das bricht das Leben nicht. Das ist der Glocken Krone,

Die er gegossen hat, Die Magdalenenglocke Zu Breslau in der Stadt. Die ward zur Sünderglocke

Seit jenem Tag geweiht: Weiß nicht, ob's anders worden In dieser neuen Zeit.

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