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1882

Wir Frauen

Clara Müller-Jahnke

Das ist der Mond, der Blüte bringt und in der Blüte tief die Frucht – das ist der Mond, der Sonne trinkt und Lieder jauchzt und Klarheit sucht.

Sie nannten ihn den Wonnemond, und Kirschenblüten hat's geschneit . . . wir aber feiern klaren Blicks den Sonnentag des Völkerglücks,

den Blütenmond der neuen Zeit. Wir feiern. Die wir rechtelos – ein tiefgeknechtetes Geschlecht – hindämmern in der Heimat Schoß,

wir feiern unser Bürgerrecht. Wir hegen in der Mutterhut der Zukunft lichten Maientrost; wir halten in der Frauenhand

der Völkerfreiheit Unterpfand . . . und rauschend geht der Wind aus Ost. Wir feiern diesen Maientag: denn laut an unserm Herzen klingt

des Mannesherzens Widerschlag, der um das Heil der Menschheit ringt. Wir feiern dieses Frühlingsfest: wenn tief in unserm Schoße sprießt

die Hoffnung, die den Sieg empfängt, die Sehnsucht, die zum Lichte drängt, die Saat, die hoch in Halme schießt. So feiern wir den ersten Mai,

der blütenstrotzend zieht ins Land: wir stehn dem Mann im Kampfe bei, gehn lachend mit ihm Hand in Hand. Wir nahmen längst das stolze Recht,

das stumpfe Blindheit uns versagt . . . der Lenz ist da! Die Zeit der Not versinkt. Wir kämpfen – heiß und rot der Freiheit Maienmorgen tagt.

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