Skip to content
1882

Spinnlein

Clara Müller-Jahnke

Maiblumen pflückt ich mir einen Strauß und brachte ihn abends mit nach Haus und stellte ihn in ein Wasserglas auf den Schreibtisch neben mein Tintenfaß –

und schlief und träumte von Blumenblühn, von Wogenrauschen und Waldesgrün, und als die Sonne ins Zimmer sah, welch lieblich Wunder beschien sie da:

ein Spinnlein, das ich vergangene Nacht, im Strauß verborgen, mit heimgebracht, war seiner duftigen Haft entronnen und hatte ein schimmerndes Netz gesponnen;

das schwankte nun zwischen dem Blumenglas und dem Liederbuch über dem Tintenfaß. Da lacht ich: du willst eine Dichterin sein – und die Spinnen spinnen dein Tintfaß ein?

So laß es gelten als freundliches Bild: das Lied, das dir frisch aus der Seele quillt, schreib es nicht nieder mit Stift und Stahl, – gib es dem leuchtenden Sonnenstrahl

und sing es hinaus in die blühende Welt . . . Nachsingen mag es, wem es gefällt!

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Spinnlein · Clara Müller-Jahnke · Poetry Cove