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1882

Schlaf und Tod

Clara Müller-Jahnke

Süß und wonnesam ist der Schlaf. – In der strengen Schule des Lebens, wo gleich unverständigen Kindern wir die krausen, verworrenen Rätsel

mühsam zusammenbuchstabieren aber nimmer den Sinn erforschen, wo der Schmerz mit ehernem Griffel Runen auf unsere Stirnen schreibt,

dünkt der Schlaf die Erholungsstunde mir, die süße, köstliche Pause, da die verschlossene Türe aufspringt und statt dumpfigen Bücherstaubes

Sonnenstrahlen und Luft wir atmen . . . süß und wonnesam ist der Schlaf. – Schlaf ist Vergessen, ist die Befreiung von all den lastenden, quälenden Sorgen

um des Daseins traurige Narrheit, um der Zukunft lichtloses Dunkel, um das eine, selige Glück, das gleich silbernen Wasserwogen

meines Lebens dornige Wüste noch mit blühenden Blumen schmückte, und nun haltlos wie Regentropfen mir in der zitternden Hand zerrinnt. –

Süß und wonnesam ist der Schlaf, aber eines noch däucht mich süßer: nicht das Vergessen nur, – das Vergehen! Nicht das Ausruhen, – nein, die Ruhe!

Sei willkommen mir, goldene Stunde, die den Schüler gereiften Sinnes aus der drückenden Mauern Enge über die Schwelle hinaus in lichte

sonnendurchstrahlte Weiten führt – – Sei gesegnet, du Götterbote, der auf rauschenden Adlerschwingen meine Seele aus Nacht und Dunkel

aufwärts trägt zu den fernen Höhn, wo aus goldenem Schacht des Glückes nie versiegende Quellen sprudeln! – Dreimal süßer ist Schlaf, denn Wachen,

aber das Süßeste ist der Tod.

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