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1882

Die Zeit ist nah

Clara Müller-Jahnke

Ein Gloria singend geht die Winternacht durch Schneegefilde; keines Sternbilds Pracht schaut aus den schwarzverhüllten Himmeln nieder, – durch eisbereifte Fenster aber bricht

ins Straßendunkel eine Flut von Licht und eine Woge kindhaft süßer Lieder. In Bethlems Tälern nicht, – nicht weltenfern und himmelhoch glänzt heut der Weihnacht Stern,

nach dessen Strahl die Brust sich sehnend weitet: die Zeit ist nah, wo licht und hüllenlos, wo neugeboren aus der Menschheit Schoß die Liebe durch des Elends Nächte schreitet.

Die Zeit ist nah, wo jede Klage schweigt, wo jedem Flehn ein menschlich Herz sich neigt, Das Bruder heißt den Irrenden und Armen, – wo sich der Keim aus brauner Scholle drängt

und Licht und Wärme als sein Recht empfängt und nicht als Bettelgabe – aus Erbarmen! Die Zeit ist nah: schon blüht ein bleiches Rot im Osten auf, – schon zuckt in heißer Not

ein letztes Wehe durch der Menschheit Glieder; sie ruft und ringt – der Dämmerung Schleier fällt: erlösungsfreudig steigt zur dunklen Welt das Himmelskind, die goldne Liebe, nieder.

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