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1882

Die Ernte

Clara Müller-Jahnke

Weiße flimmernde Sonnenflut rings auf den wogenden Weiten ruht; rüstige Mäher bei scharfem Schnitt – – schwirrende Sensen singen mit:

Die Halme fallen. Und hart am staubigen Straßenrain schafft tief gebückt ein Mütterlein; schon manche brennende Stunde lang

sirrt und surrt der Sichelklang – – Die Halme fallen. Da schaut aus schimmerndem Aehrenfeld der Gutsherr auf zum Wolkenzelt:

– „Vorwärts, ihr Leute, die Stunde rinnt! In den Klüften murrt der Gewitterwind –“ Die Halme fallen. Und in den perlenden Abendtau

blickt so fröhlich die alte Frau; sie wischt von der Stirne den hellen Schweiß und zählt im Geiste der Garben Preis. Die Halme fallen.

– „Vorwärts, ihr Knechte! die Stunde rinnt! Mein Mahl bereitet das Ingesind; mein Weib umrauscht ein seidener Flor – – und der Jude wartet am Gartentor.“

Die Halme fallen! Und müde legt nach des Tages Brand das Weib die Sichel aus der Hand: „Du goldner Segen auf schmalem Feld,

du gibst mir Brot und du schaffst mir Geld!“ – Die Halme fallen. – „Vorwärts, ihr Hunde, verdient den Lohn!“ Er denkt an seinen fernen Sohn.

Der schnellste Reiter auf blachem Feld und der Gott der Weiber – das kostet Geld! – Die Halme fallen. „Und all das Gold“ – die Alte sinnt –

„in die Ferne schickt ich's dem einzigen Kind. Sie trieben ihn fort von Haus und Huf, nun harrt er drüben der Heimat Ruf: Die Halme fallen.

Und kehrt er heim, wenn der Himmel loht, wenn der Weizen reif und das Mohnfeld rot, dann faßt er die Sense zu heißem Schnitt – und ich laufe und sammle und jauchze mit:

„Die Halme fallen!“

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