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1882

Blaue Träume

Clara Müller-Jahnke

Nadelspitzen des Novemberregens peitscht der Nordwind prasselnd an die Scheiben, aber warm und mollig ist's hier drinnen. Zigarettenduft durchwellt das Zimmer,

in den Gläsern flammt der Sorrentiner. Und du hebst das Glas, und lächelnd trinken, langsam schlürfend, tropfenweise trinken wir das Herzblut einer heißern Sonne.

Setz dich zu mir, komm! Auf Deine Schulter laß die sehnsuchtfeuchte Stirn mich stützen, lauschen laß mich deinen wachen Träumen,

deinen Märchen aus dem Reich der Sonne, deinen Liedern von der goldnen Katie . . . Lies mir, Liebster, von der goldnen Katie! Linde heilend will ich mit den Fingern

deiner Stirne blutige Male rühren, dürstend küß ich alle deine Wunden, küß sie zu mit meinen weichen Lippen. Lies mir, Liebster, von der goldnen Katie.

Lies mir deine allerblausten Träume aus den Zaubergrotten von Caprera, aus dem schönheittrunkenen Land der Sonne. Sag mir: liebst du denn die goldne Katie?

Du verstummst, – und durch die große Stille raunt die Ostsee dumpfe Klagelieder. Du verstummst, – und von der großen Stille scheu erschreckt, hebt in den tiefsten Tiefen

deiner Seele die verstoßne Sehnsucht ihre feuchten grünen Nixenaugen . . . Langsam schlürfend, tropfenweise trinken wir das Herzblut einer fernen Sonne . . .

sag mir, kennst du denn die große Liebe?

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