Auf Rosenschritten naht der Morgen sich Im Osten, sät des Orientes Perlen Auf Erden aus. Adam erwacht mit ihm, Wie er's gewohnt, vom luftig leichten Schlaf,
Den seiner Nahrung Reinheit ihm vergönnt, Erweckt vom sanften Dunst, den wunderbar Aurorens Fächer in der Blätter Rauschen Und in der Bäche Dampf verbreitete
Beim hellen Sang der Vögel in den Zweigen. Doch um so mehr war er erstaunt, daß Eva Noch unerwacht mit wirren Locken lag, Mit glühenden Wangen, wie von ruhelosem
Schlaf wild erhitzt; an ihrer Seite lehnend Mit herzlich liebevollen Blicken hing Adam und schaute sie in ihrer Schöne, Die Reize strahlt' im Wachen wie im Schlaf;
Dann sprach er sanften Tons, wie wenn ein Zephir Um Flora haucht, und streichelt ihre Hand: Erwache meine Schöne, mir Vermählte, Zuletzt Gefundne, Du des Himmels letzte
Doch beste Gabe, voll von neuer Lust! Erwach'! der Morgen strahlt! es ruft die Flur; Die Stund' entflieht, und wir gewahren nicht Die Pflanzen sprießen, die Citrone blühn,
Die Myrrhe tropfen und das Balsamrohr, Wie die Natur die bunten Farben mischt, Und Bienen süßen Saft aus Blumen saugen. So flüsternd weckt er sie, jedoch mit Blicken
Der Scheu auf Adam sprach sie, ihn umarmend: „Du Einziger, in dem mein ganzes Sein Vollkommenheit und Stolz und Ruhe findet! Erfreut seh' ich Dein Antlitz und den Morgen;
Denn diese Nacht, wie kein' ich noch bestand, Da träumt' ich, wenn ich träumte, nicht wie sonst Von Dir, und von des vorigen Tages Müh'n, Von Plänen für den nächsten Morgen, nein
Ich träumte von Verbrechen ruhelos, Die vorher nie mein Busen noch gekannt; Mir war, als riefe dicht an meinem Ohr Mir Jemand fortzugehn mit sanfter Stimme,
Ich glaubte Deine sei's; sie sprach: Warum Schläfst Du jetzt, Eva? Sieh' die Stund' ist hold, Ist kühl und still, das Schweigen unterbricht Der nächtlich singende Vogel ganz allein,
Der wachend jetzt von süßer Liebe singt; Vollscheibig glänzt der Mond und leuchtet lieblich Mit schattigem Licht auf die Gestalt der Dinge; Umsonst, wenn Niemand schaut; der Himmel wacht
Mit seinen Augen, Dich nur anzustaunen, Du Sehnsucht der Natur, bei deren Anblick Ein jeglich Wesen hingerissen wird Durch Deine Schönheit, immer Dich zu schaun.
Dann stand ich auf, ganz wie auf Deinen Ruf, Doch sah ich nirgends Dich; um Dich zu finden, Ging ich dann meinen Pfad und wie mich dünkt Allein dahin, wo plötzlich mir der Baum
Verbotener Erkenntniß stand genüber; Schön war er, und weit schöner noch im Traum, Als wie bei Tag; und wie ich staunend blickte Stand seitwärts Einer, jenen Engeln gleich
An Schwingen und Gestalt, die oft wir sehn; Ambrosia troff aus den bethauten Locken; Auch er bestaunte diesen Baum und sprach: O holde Pflanze, reich mit Frucht beladen,
Erleichtert Niemand Deine Last und kostet Von Deiner Süße, weder Gott noch Mensch? Verschmäht man so Erkenntniß? Ist es Neid, Denn welcher Rückhalt kann es sonst verbieten?
Verbiet' es, wer da will, doch Niemand soll Dein dargereichtes Gute mir entziehn; Denn weshalb wärst Du sonst hieher gepflanzt? Er sprach's und ohne Zögern brach er Früchte
Mit kühnem Arme sich und kostete: Eiskalter Schauder überlief mich da Ob dieser Frevelwort' und Frevelthat. Er aber sprach entzückt: O Götterfrucht,
Süß an sich selbst, doch süßer so gepflückt, Verboten, weil Du Göttern nur gebührst, Doch Götter auch aus Menschen schaffen kannst, Warum auch nicht, da Gutes mitgetheilt
Nur herrlicher gedeiht und selbst den Geber Nicht einschränkt, nur Verehrung mehr ihm beut. Hier glückliches Geschöpf, Eva, Du Holde, Genieße mit davon; wenn Du auch selig,
Kannst dennoch Du glückseliger noch werden, Werthvoller nimmer; koste nur davon, Sei eine Göttin selber unter Göttern, Nicht auf die Erde ganz allein beschränkt,
Heb' Dich zuweilen in die Luft wie wir, Zuweilen in den Himmel, durch Verdienst Schon Dein, und sieh, was für ein Leben dort Die Götter führen und so leb' auch Du.
So redend naht' er sich, und hielt mir dicht Am Mund ein Stückchen der gepflückten Frucht; Der süße Duft erregte solche Lust, Daß, wie mich dünkt, ich davon kosten mußte.
Sogleich flog ich mit ihm in Wolkenräume, Sah unermeßlich, tief, die Erde drunten, Und weite mannichfache Gegenden, Bestaunend meinen Flug zu solcher Höhe;
Plötzlich verschwand mein Führer, und mich dünkte Ich sank herab und fiel in tiefen Schlaf; – Doch froh erwacht' ich, als ich fand, daß Alles Nur Traum gewesen!“ –
Also schilderte Eva die Nacht, doch Adam sprach betrübt: „O Du mein bestes Abbild, theure Hälfte! Die Unruh Deiner Seel' in dieser Nacht
Bekümmert mich; der sonderbare Traum Ergötzt mich nicht, da er vom Bösen stammt; Allein woher kommt Böses? Kann es doch In Dir nicht herrschen, rein Erschaffene!
Doch wisse, daß so manche niedre Kraft Auch in der Seele wohnt, die der Vernunft Als Herrin dienet, und vor allen diesen Die Phantasie; von allen Außendingen,
Die ihr die Sinne widerspiegeln, zaubert Sie Einbildungen, Luftgebilde vor; Die Bilder trennt dann die Vernunft und schafft, Was wir behaupten oder auch verneinen,
Was unsre Kenntniß oder Meinung heißt; Dann kehrt in ihre Zelle sie zurück. Wann die Natur ruht, wacht oft rege noch Die Phantasie, sie gaukelnd nachzuahmen;
Doch Bilder plump vereinend, zeugt sie oft Ein wildes Werk, in Träumen meist erschaffen, In Worten, die unpassend sich verbinden Und Thaten, die oft lange schon geschehn.
In Deinem Traume find' ich Aehnlichkeit Mit unserm gestrigen Gespräch zu Abend. Seltsam nur Einzelnes noch beigefügt. Doch sei nicht traurig; denn das Böse kann
In Götter – wie in Menschenherzen schleichen, Und ungebilligt wieder draus entfliehn, Nicht einen Fleck der Schuld zurückelassend, Dies läßt mich hoffen, daß Du wachend nicht
Vollbringen wirst, was Du schon träumend scheutest. Drum zage nicht, umwölke nicht den Blick, Der heiter sonst und holder als der Morgen, Wenn er zuerst der schönen Erde lacht.
Laß uns zu neuer Arbeit rasch erstehn, An Quellen, unter Hainen, unter Blumen, Die ihre reichsten Düfte jetzt verhauchen, Zu Nacht in Kelchen nur für Dich gesammelt!“
So tröstend heitert er das holde Weib, Doch ließ sie schweigend ein paar Thränen sinken, Und trocknete mit ihren Haaren sie; Zwei andre, die vor dem krystallnen Thor
Schon fallend standen, küßt ihr Adam weg, Als Zeichen süßer Rührung, frommer Scheu, Die bang befürchtet, daß sie sündigte. So waren Beide wieder ganz erheitert
Und eilten auf das Feld. Sobald sie aber Zum offnen Tagesanblick aus dem Schatten Der Bäume traten, und den Sonnenball, Den kaum erstandnen, an dem Rande schwebend
Des Oceans erblickten, wie im Lauf Er thauige Strahlen sandte, rings den Osten Des Paradieses und die sel'gen Fluren Von Eden hold verklärend, beugten sie
Demüthig sich und sprachen ihr Gebet, Das Morgens in verschiedner Form sie hielten; Denn nie entbehrten sie der Form des Ausdrucks, Noch der Begeist'rung zu des Schöpfers Lob,
Das sie gebührend sprachen oder sangen, Und ohne lang zu sinnen; denn es floß Beredsamkeit von ihrem Lippenpaar Frei oder rhythmisch, so voll Melodie,
Daß sie nicht Harf' und Flöten erst bedurften, Um Süßigkeit dem Sange zu verleihn; Und so begannen sie: „Allmächtiger! All' dies sind Deine Wunderwerke, Vater
Des Guten Du! der ganze Weltendom Ist Dein in seiner wunderbaren Schönheit! Wie wunderbar mußt Du erst selber sein! Du Unaussprechlicher, der in den Himmeln
Für uns unsichtbar thront, und dunkel nur In seinen kleinsten Werken angeschaut, Die all' die Güt' und Göttermacht verkünden. Ihr Engel sprecht, ihr seid die besten Zeugen,
Des Lichtes Söhne, denn ihr sehet Ihn, Und wallt mit Chören voller Harmonie In Tagen ohne Nacht um seinen Thron, Auf Erden einen alle Wesen sich,
Um ihn zu preisen, der als Anfang, Schluß, Als Mitte sonder Ende sich erweist. Du schönster Stern, der im Gefolg der Nacht Der letzte, wenn Du nicht der Dämmrung
Mehr angehörst, des Tages Unterpfand, Der Du den Morgen krönst mit Deinem Kranz Voll Strahlen, preise Du in Deiner Sphäre Ihn, da der Tag beginnt, in süßer Stunde!
Du Sonne, dieser Welten Aug' und Seele, Erkenne jetzt ihn als Gebieter an, Laß Du sein Lob im ew'gen Lauf erschallen, Wenn Du emporsteigst, wenn zur Mittagshöhe
Du Dich erhebst und wenn Du niedergehst! O Mond, der Du der Sonne bei dem Aufgang Begegnest, und mit jenen Sternen fliehst, Die festgeheftet in ganz engem Kreise,
Und ihr fünf andern Wandelfeuer dort, Die in melodischem Tanze sich bewegen, Verkündiget sein Lob, der aus der Nacht Das Licht erschuf! – Luft und ihr Elemente,
Ihr erstgebornen Kinder der Natur, Die vierfach ihr im ewigen Kreise wandelt, Vielförmig, alle Dinge mischt und nährt, Laßt euren Wechsel immerdar erneun,
Des großen Schöpfers neues Lob zu künden. Ihr Dünst' und Nebel, die ihr jetzt vom Hügel, Vom Dampf der See euch düstergrau erhebt, Bis euern woll'gen Saum mit Gold die Sonne
Bemalt, steigt auf zu eures Schöpfers Ehre! Mit Wolken schmückt die farblos leere Luft, Mit Regen tränkt der Erde heißen Durst, Im Steigen wie im Fallen preiset ihn!
Ihr Winde, die ihr von vier Enden her Der Erde weht, haucht sanft und laut sein Lob! Neigt eure Wipfel all ihr Fichtenbäume, Sammt allen Pflanzen, zollt Anbetung Ihm!
Ihr Quellen, die ihr fließend lieblich murmelt, Verkündet rauschend eures Schöpfers Preis! Eint euch mit ihnen, all ihr Lebenden, Ihr Vögel, die ihr euch gen Himmel schwingt,
Tragt auf den Schwingen in den klarsten Tönen Sein Lob empor! die ihr im Wasser gleitet, Und die ihr auf der Erde stattlich wandelt Und niedrig kriechet, o bezeuget all,
Ob Morgens oder Abends je ich schweige, Vor Hügeln oder Thal, vor Quell und Schatten, Die ich durch meiner Stimme Laut belebe, So daß sie Echo sind von seinem Lob.
Heil Dir, o Herr der Welt, sei gütig stets, Uns Gutes nur zu geben; wenn die Nacht Uns Böses spendet oder auch verbirgt, Vertreib' es, wie das Licht die Dunkelheit!“
So sprachen betend sie, und dem Gemüth Kam wieder bald gewohnte Ruh zurück. Sie eilten an ihr ländlich Tagewerk Hin unter Thau und Blumen, wo die Reihe
Fruchtüberladner Bäume weit die Zweige Hervorgestreckt, die einer Hand bedurften, Um die Verschlingung zu verhindern, oder Sie lenkten hin zum Ulmenbaum die Rebe,
Daß sie vermählt als Gatten ihn umschlingt, Indem sie ihm als Mitgift Trauben bringt, Um seine dürren Blätter zu verzieren. Auf die Beschäftigten sah voll Erbarmen
Des Himmels Herrscher; er rief Raphael Den guten Geist, der sich herniederließ In spätrer Zeit, Tobias zu begleiten Und dessen Eh'bund hülfreich zu beschützen
Mit einer sieben Mal vermählten Frau. „Du hörest Raphael, welch Ungemach Satan, der Höll' entronnen durch den Schlund, Im Paradies erregte, wie er heut
Zu Nacht das Menschenpaar im Schlummer störte, Und wie er dem Geschlecht Verderben sinnt. Drum eile fort und rede, wie ein Freund Mit einem Freunde spricht, zu Adam jetzt,
Den Du im Schatten einer Laube findest, Wohin er vor der Mittagshitze floh, Um sich von seinem Tagewerk durch Ruh' Und Nahrung zu erquicken, wende so
Die Worte, daß er der Glückseligkeit Auf's Neue sich erinnert, die allein Beruht auf seinem eignen freien Willen, Der frei zwar, aber doch veränderlich.
Gieb ihm die Warnung, daß er auf der Hut Vor der Verirrung; zeig' ihm die Gefahr Und welcher Feind ihm droht, der selber jüngst Vom Himmel fiel, und nun mit allen Ränken
Glückselige vom Thron zu stürzen sucht; Nicht mit Gewalt, denn dies ist ihm verwehrt, Doch durch Betrug und Lüge; meld' ihm dies, Damit er nicht, mit Vorsatz sündigend,
Als Vorwand Ueberraschung nennen kann.“ So sprach der ewige Vater und erfüllte Gerechtigkeit, und ohne Zaudern schwang Der Flügelengel sich mit seiner Botschaft
Aus tausend Himmelsflammen weit hervor, Wo er in seinen Schwingen stand umhüllt, Und schwebte mitten durch den Himmelsraum. Die Engelschöre theilten sich im Nu,
Um Raum ihm durch die Aetherbahn zu geben, Bis er zur Himmelspforte kam, die sich Von selbst eröffnete, mit goldnen Angeln, Ein göttlich Werk, vom Höchsten selbst erbaut.
Von hier aus stellt sich kein Gewölk, kein Stern Dem Blick entgegen, denn er sieht die Erde, Zwar klein, den andern lichten Kugeln gleich; So wie das Fernrohr Galilei's Nachts
Vermeinte Länder in dem Mond entdeckt, Wie ein Pilot als dunstigen Punkt zuerst Aus den Cycladen Delos Fels erblickt. Dort eilt er raschen Flugs hinab und segelt
Durch den unmeßbar weiten Aetherraum, Durch Zwischenräume vieler Welten fort, Den Winden folgend, die der Pol versendet, Dann theilt behend er die geschmeid'ge Luft,
Bis er in solcher Höhe, wo der Adler Empor sich hebt, ein Phönix allen Vögeln, Von Allen angestaunt als einz'ger Vogel, Wenn er, um seine Reste zu bestatten
Im Sonnendom, nach Theben sich begiebt. Auf einmal läßt der Engel sich im Osten Des Paradieses nieder, in der Urgestalt Als Seraph, mit sechs Flügeln ausgerüstet,
Beschattend seinen Leib; das eine Paar, Das seine mächtigen Schultern überwallte, Hüllt fürstlich wie ein Mantel seine Brust; Das mittlere schlang wie ein Sternengürtel
Sich um den Leib, und säumte seine Schenkel Mit flaumigem Gold und himmlischreinen Farben. Das dritte Paar umschattet seine Fersen, Befiedert einem Schuppenpanzer gleich
Von himmelblauer Farbe. Stand er doch Wie Maja's Sohn, er schüttelt sein Gefieder, Daß Himmelsduft die Gegend überfliegt. Sogleich erkannten ihn die Engelsschaaren,
Und lauschten ehrerbietig seiner Kunde, Denn hohe Kunde glaubten sie in ihm. Er ging an ihrem Strahlenzelt vorbei, Und naht' der sel'gen Flur durch Myrrhenhage,
Durch Blüthenduft von Cassia, Nardus, Balsam, Durch eine Wildniß, voll von Wohlgerüchen; Denn die Natur scherzt hier in ihrer Jugend, Und läßt willkürlich Raum der Phantasie.
Indem sie Wonn' und höchste Lieblichkeit Weit über Kunst und Norm hinaus, erschuf. Wie er den würzereichen Wald durchschritt, Ward Adam ihn gewahr vor seiner Laube,
Indeß senkrecht die hochgestiegne Sonne Die Glutenstrahlen niederschoß, den Schooß Der Erde zu erwärmen; in der Laube War Eva und bereitete zum Mahl
Schmackhafte Früchte, die dem Gaumen munden, Und die dem Durst nach süßem Nektartrank Aus Milch und Beeren nimmermehr zuwider. Zu ihr sprach Adam: „Eva, komm hieher
Und sieh, des Schauens werth, nach Osten hin, Dort unter Bäumen, welche Glanzgestalt Des Weges kommt; sie scheint ein neuer Morgen, Zu Mittag aufgegangen; uns vielleicht
Bringt sie vom Himmel her ein Machtgebot, Und würdigt uns, für heute Gast zu sein. Drum eile fort, und was Dein Vorrath faßt, Schaff flugs herbei und gieb's im Ueberfluß
Dem Himmelsgast zum ehrenden Empfang. Leicht können unsern Gebern wir die Gaben, Die sie uns reichten, wiederum verleihn, Und von dem reich Ertheilten reichlich spenden,
Da ihr Gedeihn nur die Natur vermehrt, Fruchtbarer nur durch die Entlastung wird, Daß aufzusparen Sorge nicht von Nöthen.“ Eva erwidert ihm: „Adam, Du heil'ges
Erdbild, von Gott beseelt; genügen wird, Wo Vorrath reif zu jeder Jahreszeit Am Stengel hängt, ob Vieles auch durch Sorgfalt Bewahrt wird und durch Festigkeit erst nährt.
Doch eilen will ich und von jedem Zweig, Von Pflanz und Kürbis nur das Beste wählen, Um zu bewirthen unsern Engelgast, Damit er schauend künde, daß auf Erden
Gott seine Gaben spendet wie im Himmel.“ So sprechend wandt sie sich mit schnellen Blicken, Nur auf die Art der Gastlichkeit bedacht, Welch eine Wahl von dem sie treffen müsse,
Was des Genusses höchste Wonne beut, Die Ordnung, daß die Nahrung wohl vereint, Und dem Geschmack den besten Wechsel leiht. Sie bricht von jedem zarten Zweige Früchte,
Was nur die Allgebärerin, die Erde, In Indien im Ost und West erzeugt, Was an des Mittelmeers Gestaden sie, An Pontus oder Puniens Küstenrand,
Im Reiche des Alcinous erschafft, Von allen Arten Früchte, rauh und glatt In bärtigen Hülsen oder harten Schalen; Und Alles dies häuft in der Laube dann
Verschwenderisch ihre Hand, sie preßt aus Trauben Unschädlich süßen Most und Meth aus Beeren; Und aus zermahlten Kernen mischt sie selbst Noch süßen Saft. Auch fehlt ihr reinliches
Geschirr nicht, um dem Gaste zu kredenzen, Dann streut sie Rosen auf den Boden hin Und frische Blumen voll gewürz'gen Duftes. Indessen schreitet seinem Himmelsgast
Adam entgegen, im Geleite nur Die eigne Tugend und Vollkommenheit, Nur in sich selbst trug er die ganze Pracht, Viel reicher als der lästig ekle Pomp,
Der Fürsten folgt in langgestreckter Reih' Von goldbeladnen Dienern, Reitern, Rossen, Was blendend nur den Pöbel stutzen macht. Als Adam sich ihm nähert, beugt er sich
Nicht etwa scheu, doch voller Ehrerbietung So wie vor einem überlegnern Wesen, Und sprach bescheiden: Himmelseingeborner, Denn wohl kein andrer Ort als nur der Himmel
Kann an Gestalt so holdes Wesen fassen, Da Du, herniedersteigend von dort oben, Das selige Gefild mit unserm tauschtest, Gewähr' uns Beiden, die wir diese Flur
Als ein Geschenk des Mächtigsten besitzen, In jenem Laubenschatten auszuruhn, Und was der Garten Auserwähltes hegt, Zu kosten, bis die Mittagsglut sich lindert
Und kühler dann die Sonne niedergeht. Huldreich gab ihm der Engel die Erwidrung: Adam, ich kam deshalb; denn Du bist ja Sammt diesem Ort, den jetzo Du bewohnst,
Der Art geschaffen, daß Du Himmelsgeister Oft selber zum Besuche locken kannst. So führe mich zu Deiner Schattenlaube, Denn diese Mittagstunden bis zum Abend
Sind meinem Willen ganz anheim gestellt. – So gingen sie zur waldigen Hütte hin, Die gleich Pomona's Baume lächelte, Mit Blumen lieblich duftend ausgeschmückt.
Eva, vom eignen Reize nur geziert, Holdseliger als eine Nymphe wol, Die schönste Göttin von den drei'n der Mythe, Die auf dem Ida nackt vor Paris stritten,
Erwartete den himmlischhohen Gast. Die Tugend selbst – war ihr kein Schleier nöthig, Kein Sündetrieb entfärbt' ihr Wangenpaar. „Heil!“ rief der Engel ihr, den heil'gen Gruß,
Der einer zweiten Eva später auch, Der heiligen Maria ward verkündet: „Heil, Mutter Dir des menschlichen Geschlechts, Durch deren Leib, mit Fruchtbarkeit gesegnet,
Die Welt zahlreichre Söhne wird empfangen, Als mit den mannichfachsten Früchten hier Die Bäume Gottes diesen Tisch beladen!“ Von grünem Rasen war der Tisch gebaut,
Moosbänke standen rund um ihn herum, Und auf dem weiten Viereck lagen hoch Des Herbstes reiche Gaben aufgehäuft, Doch gingen Herbst und Frühling Hand in Hand.
Sie sprachen eine Zeitlang ruhig fort, Nicht fürchtend, daß die Mittagskost erkalte; Dann sprach der Ahn der Menschheit: „Himmlischer, O koste diese Gaben, die der Herr,
Von dem ja Alles so vollkommen stammt, Zur Lust und Nahrung aus der Erde schuf; Die Kost vielleicht ist nicht für geist'ge Wesen So schmackhaft, doch das Eine weiß ich wol,
Daß ein allmächtiger Vater Allen giebt.“ Der Engel sprach: „Drum wird auch seine Gabe, Gelobt sei Er, die er dem Menschen giebt, Der auch zum Theil ein geistig Wesen ist,
Von reinsten Geistern angenehm befunden, Denn Nahrung auch bedürfen jene Wesen, Wie ihr, Vernunftbegabte, sie erheischt. Die Kraft der Sinnlichkeit wohnt ja in Beiden,
Wodurch sie sehen, hören, riechen, fühlen, Und schmecken und Genossenes verdaun, Vereinigen und aus dem Körperlichen Unkörperliches schaffen. Wisse denn,
Ein jegliches Geschöpf bedarf der Nahrung. So nähren bei den Elementen selbst Die gröbern stets die feinern, so die Erde Die See, und Erd und See sodann die Luft,
Die Luft hinwieder diese Himmelssterne, Zuvörderst deren niedrigsten, den Mond. Daher in seinem Vollgesicht die Flecken Von Dünsten, die noch nicht gereiniget,
In seinen Stoff noch nicht verwandelt sind. Der Mond auch dünstet wieder Nahrung aus Von seinem feuchten Land für höh're Sterne. Die Sonne, die den Andern Licht ertheilt,
Empfängt von Allen feuchten Nahrungsstoff, Und labt sich Abends an dem Ocean. Im Himmel tragen zwar des Lebens Bäume Ambrosiafrüchte, Nektarsaft die Rebe,
Wir streifen jeden Morgen von dem Zweige Zwar honigsüßen Thau, und sehen rings Mit Perlenschmuck den Boden dicht besät, Jedoch hat Gott so mannichfache Güte
Hier offenbart, daß mit dem Himmel selbst Die Erde sich vergleichen kann; o glaube, Ich bin verwöhnt nicht, um das Mahl zu kosten.“ Sie setzten sich, und aßen von den Speisen,
Der Engel nicht nur scheinbar, wie ein Nebel, So wie's die Meinung gottgelahrter Herrn, Nein, mit des wahren Hungers Thätigkeit, Verdauend diese Kost in Licht zu wandeln;
Was rückbleibt, dunstet leicht bei Geistern aus. Kein Wunder drum, wenn durch der Kohlen Glut Der Alchymist Metall vom gröbsten Erz In Gold so rein, wie's aus den Minen kommt,
Verwandelt oder zu verwandeln denkt. Indessen dient, durch Kleider nicht verhüllt, Eva beim Mahl, und füllt mit süßem Saft Die Becher an. Unschuld, des Paradieses würdig!
Wenn jemals, wär' es damals zu verzeihn, Wenn bei dem Anblick selbst des Himmels Söhne In Liebe fielen, doch in jenen Herzen War keine Wollust, und sie wußten nichts
Von Eifersucht, verschmähter Liebe Hölle! Als sie mit Trank und Speise sich gesättigt, Doch die Natur nicht überladen hatten, Stieg ein Gedanke rasch in Adam auf,
Nicht die Gelegenheit entgehn zu lassen, Durch den Besuch veranlaßt, zu erfahren Was über dieser Welt, und was für Wesen Im Himmel wohnen, deren Majestät
Die eigene bei weitem überstrahlte, Und deren Glanzgestalt, der Ausfluß Gottes Und Macht den Menschen sichtlich überwog. Drum wandt behutsam seine Red' er so
An den Bewohner jener Himmelsfluren: „Du, der bei Gott Du wohnest, ich erkenne Nun Deine Huld, wie Du den Menschen ehrst, Den Du gewürdigt bei ihm einzutreten
Und diese Früchte, die nicht Engelsspeise, Zu kosten, und mit solcher Güt' und Milde, Daß Du vergnügter nicht erscheinen könntest, Wenn Du an Himmelsspeise Dich gelabt,
Der nicht vergleichbar dieses Erdenmahl: Erwidrung ward ihm vom beschwingten Engel: Adam, es ist nur ein Allmächtiger, Von welchem Alles kommt, zu welchem Alles
Zurückkehrt, was sich nicht vom Guten ab Zum Bösen wendet; alle Dinge sind Erschaffen zur Vollkommenheit und alle Aus einem ersten Stoff mit mannichfacher
Gestaltung und verschiednen Wesensgraden; Und bei den Wesen, welche Leben fühlen, Mit Lebenskraft begabt; das Feinere, Geläuterte, mehr Geistige steht ihm nah,
Wo nicht, so strebt es näher ihm zu kommen, Ein jedes in der angewiesnen Sphäre, Bis sich der Leib zum Geist emporgeschwungen, Ein jegliches Geschlecht in seinen Grenzen.
So sprießt der Stengel aus der Wurzel freier, Aus diesem keimt das Blatt noch luftiger, Zuletzt haucht die entfaltet schöne Blume Den geistigen Duft; die Blüthe sammt der Frucht,
Des Menschen Nahrung, stufenweis verfeinert, Sie schwingen sich zu Lebensgeistern auf, Zu thierischen, zu geistigen; verleihn Dem Leben Sinn, Verstand und Phantasie;
Dadurch erhält die Seele die Vernunft, Und die Vernunft ist selbst ihr Wesen, schließt Und schaut, das Schließen bleibt für euch, Das innre Schaun ist unser meisten theils.
Drum staune nicht, wenn ich, was Gott als gut Für euch erkannte, nicht verschmähe, sondern In's eigne Wesen wandle, so wie ihr. Die Zeit kann nahn, wo Menschen selbst mit Engeln
Die Mahlzeit halten, und die Speisen nicht Zu leicht noch auch undienlich finden mögen; Durch diese körperliche Speise kann Zuletzt sich euer Leib vergeistigen,
Veredelt durch die Zeit, und dann beflügelt Zum Aetherraume schwingen wie der unsre, Vielleicht hier unten wohnen, oder auch Im Paradies des Himmels, wenn ihr stets
Gehorsam seid und immer wechsellos Aufrichtig lieb den ew'gen Schöpfer habt, Von dem ihr stammt. Indeß genießt die Fülle, Die unermeßlich euern Stand beglückt.“
Der Ahn des Menschenstammes sprach darauf: „O milder Geist, der Du mir so geneigt, Du zeigest uns den Weg, der zur Erkenntniß Uns führt, so wie die Gnade der Natur,
Vom Mittelpunkt zum Umkreis aufgestellt, Worauf wir in Betrachtung des Erschaffnen Zu Gott empor allmählich steigen können. Doch sprich, was Deine Warnung uns bedeute:
Wenn ihr gehorsam seid? Kann jemals uns Gehorsam fehlen oder wär' es möglich, Die Liebe Dem zu weigern, der uns erst Aus Staub geschaffen und hieher gesetzt
Vom höchsten Maß der Seligkeit beglückt, Die je ein Menschenwunsch erfassen kann?“ Der Engel sprach: „O merke treulich, Sohn Des Himmels und der Erde, was ich rede:
Daß jetzt Du glücklich bist, verdankst Du Gott, Daß Du es bleibst, verdankest Du Dir selbst, Das heißt, wenn treu Du im Gehorsam bist. Dies ist die Warnung, die Dir Gott gestellt.
Drum sei auf Deiner Hut. Vollkommen zwar Er schuf Dich Gott, jedoch auch wandelbar. Er schuf Dich gut, doch überließ er's Dir Auch gut zu bleiben. Freier Wille ward
Dir von Natur, vom unvermeidlichen Geschick nicht und Nothwendigkeit beherrscht. Freiwilligen Dienst verlangt er, nicht erzwungnen, Denn solchen wird er nie genehmigen,
Und kann's auch nie, denn könnten jemals wol Unfreie Herzen einer Probe stehn, Ob willig sei ihr Dienst, da sie nur wollen, Was ohne Wahl sie durch Verhängniß müssen?
Ich selbst und unser ganzes Engelheer, Das vor dem Angesichte Gottes steht, Wir können unsern sel'gen Stand allein, Wie ihr den euern, nur so lang erhalten,
Als wir gehorsam unserm Gott und Herrn. Darin besteht nur unsre Sicherheit. Frei dienen wir, weil wir freiwillig auch Ihn lieben, weil's in unserm Willen liegt
Zu lieben oder nicht, was unser Glück, Was unser Fall ist; ein'ge sind gefallen Durch Ungehorsam aus dem Himmelsglanz Zur tiefsten Hölle. Welch ein grauser Fall
Von höchster Seligkeit in endlos Weh!“ Erwidernd sprach dann unser großer Ahn: „Aufmerksam hört' ich jedes Deiner Worte Mit mehr Entzücken, göttlich hoher Lehrer,
Als wenn der Cherubim Gesang zu Nacht Von Hügeln luftige Musik uns sendet. Zwar weiß ich wohl, daß Wille so wie That Ganz frei geschaffen, und daß nimmer wir
Vergessen sollen unsern Gott zu lieben Und ihm zu folgen, dessen einziges Gebot so sehr gerecht und gnädig ist. Mein Denken sagte mir's und sagt mir's immer;
Doch was vom Himmel Du erzähltest, weckt In mir so manchen Zweifel, und noch mehr Den Wunsch, vollkommne Kunde zu erfahren, Die sicherlich ganz seltsam ist und werth
In heil'ger Stille nur gehört zu werden. Der Tag ist ja noch lang, die Sonne hat Die Hälfte kaum der Bahn vollbracht, und kaum Beginnt die andre sie am Himmelsbogen.“
So bat den Engel Adam; und es sprach Einwilligend Raphael nach kurzem Schweigen: „Hochwichtiges verlangst Du, Ahn der Menschen, Ein traurigschweres Werk, denn wie vermag ich
Dem Menschensinn die unsichtbaren Thaten Des Geisterkampfs zu schildern? wie vermag ich Dir ohne Schmerz den Untergang so mancher Vollkommnen, da sie standen, zu verkünden?
Wie endlich soll ich einer andern Welt Geheimniß Dir enthüllen, da vielleicht Ich unbefugt, Dir's zu entdecken, bin? Doch Dir zum Guten ist es mir erlaubt,
Und was zu hoch für menschlichen Verstand, Will ich in solcher Art und Weise schildern, Daß ich den geist'gen Formen irdische Vergleiche, wie am besten es bezeichnet.
Doch wie, wenn hier die Erde nur der Schatten Des Himmels wär' und alle Dinge Beider Sich ähnlicher, als man auf Erden wähnt!“ Als diese Welt noch unerschaffen war,
Und wildes Chaos herrschte, wo die Himmel Jetzt rollen, wo die Erde jetzo ruht Auf ihrem Mittelpunkt im Gleichgewicht; Erschien an einem Tage (denn die Zeit
Selbst in der Ewigkeit mißt, angewandt Auf die Bewegung, jeglich dauernd Ding Nach Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft) An einem Tag des großen Himmelsjahrs
Das Strahlenheer der Engel, vorgerufen Durch Wink des Höchsten, zahllos vor dem Thron Des Allgewalt'gen aus den Himmelsenden Sammt ihrer Fürsten glanzumwob'nen Reih'n;
Zehntausendmal zehntausend Fahnen wehten, Standarten, Banner rauschten in der Luft, Und zeichneten die Vorhut von der Nachhut Und Rang und Ordnung der verschiednen Grade,
Der Stufenfolge; ja sie trugen auch Auf reichen Glanzgeweben Angedenken Von heilger That des Eifers und der Liebe. Als sie im Kreis unsäglich weiten Raumes,
Und Kreis im Kreise standen, sprach der Ew'ge, Zu dessen Rechte reich an Seligkeit Der Sohn verweilte, wie aus Flammenbergen. Wo unsichtbar vor Glanz der Gipfel wird:
Hört all' ihr Engel, Kinder ihr des Lichts, Ihr Throne, Fürsten, Tugenden und Kräfte, Hört meinen Rathschluß, der unwiderruflich Bestehen soll! Ihn hab ich heut gezeugt,
Ihn, den ich jetzt als einz'gen Sohn erkläre, Den ich auf diesem heil'gen Berg gesalbt, Und den ihr jetzt zu meiner Rechten seht, Zu eurem Haupt ernenn' ich ihn und schwur
Mir selber zu, daß sich ein jedes Knie Im Himmel vor ihm beuge, so als Herrn Ihn anerkennend; bleibet unter Ihm Als untheilbare Seele stets vereinigt,
Auf ewig selig; wer ihm ungehorsam, Der ist es mir, bricht die Vereinigung Und stürzt, von mir verstoßen, selben Tags In tiefste Nacht, vom Abgrund wild verschlungen,
In heillos Graun, endlos, erlösungslos! So sprach der Allgewalt'ge. Darauf schienen Die Engel all' mit seinem Wort zufrieden. An diesem Tag, wie dies gewöhnlich ist
Bei festlichfrohen Tagen, sangen sie Und tanzten um den heil'gen Berg den Tanz, Der in der geist'gen Windung jenem gleicht, Den sonst die Sternensphäre der Planeten
Und fixen Sterne führt, verworrene Gewinde, dichtverschlungen, ungewöhnlich, Im Regellosen am geregeltsten; In der Bewegung schaffen Götterlaute
So zaubervolle Töne, daß voll Wonne Das Ohr des Höchsten selbst den Klängen lauscht. Der Abend nahte jetzo (denn wir haben Auch Abend so wie Morgen, doch zur Wonne
Im Wechsel nur, nicht aus Nothwendigkeit) Rasch wenden sie vom Reigen sich hinweg Zum süßen Mahl: wie sie in Kreisen standen, So wurden Tafeln aufgestellt, und plötzlich
Mit Engelsspeisen reich besetzt, es schäumt Rubinenrother Nektar im Geschirr Von Perlen, Diamanten, ächtem Golde, Kostbarer Reben Frucht, Gewächs des Himmels.
Auf Blumen ruhend und bekränzt mit Blumen Genießen Trank und Speise sie; und schwelgen So hold vereinigt in Unsterblichkeit, Vor Ueberfüllung sicher, denn allein
Das volle Maß beschränkt das Uebermaß, Vor dem Allgütigen, der mit reicher Hand Die Spenden reicht, sich ihrer Wonne freuend. Als die ambrosische Nacht mit Wolken nun,
Vom hohen Berge Gottes ausgedampft, Aus dem zugleich das Licht sammt Schatten dringt, Das Angesicht des hellsten Himmelklars In angenehme Dämm'rung änderte,
(Denn Nacht naht dort im finstern Schleier nicht) Und rosiger Thau die Augen Aller rings, (Die Gottes ausgenommen, die nie schlummern,) Zur Ruhe lud, da streckte weit hinaus
Viel weiter, als die Erdenfläche wär' Ganz ausgebreitet, in dem Vorhof Gottes, Das Engelsheer, in Reihen und zerstreut, Sein Lager unter Lebensbäumen aus
Lebend'gen Strömen nah; zahllose Zelte Und Hütten waren eiligst aufgestellt, Worin sie schliefen, kühl vom Wind umhaucht, Nur jene nicht, die ihrer Reihe nach
Abwechselnd nächtlich ihren Lobgesang Voll Melodie dem Thron des Höchsten brachten. – Doch so nicht wachte Satan, so genannt Seit man im Himmel seinen Namen tilgte;
Der Ersten Einer, – wenn auch nicht der erste Erzengel, groß an Geist, Gewalt und Rang, Doch neidisch gegen Gottes großen Sohn, Der selbigen Tags von seinem ew'gen Vater
Geehrt ward und als ein gesalbter König, Als ein Messias ward verkündet, – konnte Aus Stolz den Anblick nimmermehr ertragen; Er hielt sich für entehrt. Von Bosheit drum
Und Groll durchdrungen, faßt er den Beschluß, Sobald als Mitternacht im Dunkel naht, Am günstigsten dem Schlummer und der Stille, Mit allen seinen Schaaren aufzubrechen,
Anbetungslos und ungehorsam Gott Den höchsten Thron verächtlich zu verlassen Und seinen nächsten Untergeb'nen weckend Sprach er zu ihm, doch heimlich, diese Worte:
Schläfst Du, geliebter Freund? Was für ein Schlaf Schließt Deine Lider, wenn Du dran gedenkst, Welch ein Beschluß vom Mund des Ewigen Erst gestern ausgegangen? Warst Du doch
Gewohnt, mir jeglichen Gedanken gleich Zu künden, wie ich's auch mit Dir gethan; Im Wachen einig, könnte jetzt der Schlaf Es anders meinen? Siehst Du doch die Last
All der Gesetze, die der Herrscher schmiedet, Sie können neuen Sinn in uns erwecken, Ahnungen, was Bedenkliches uns droht; Mehr noch zu äußern, scheint hier nicht der Ort.
Versammle Du von jenen Myriaden, Die uns gehorchen, all die Häupter; sprich, Daß auf Befehl, eh' noch die finstre Nacht Ihr schattiges Gewölk zurückgezogen,
Mit allen, deren Banner unter mir, Ich in dem schnellsten Zuge heimwärts eile, Wo uns im Norden unsre Wohnung lacht, Die Voranstalten anzuordnen, würdig
Den herrlichen Messias, unsern König Sammt seiner neuen Herrschaft zu empfangen, Denn bald will er durch alle Himmelsstaaten Gesetze gebend, im Triumphe ziehn.
So sprach der Falsche, bösen Einfluß übend Auf des Genossen unvorsicht'ge Brust. Der rief sogleich die Engelsherrscher all, Die unter ihm die Schaar geführt, zusammen
Und meldet, wie er unterwiesen ward, Daß auf Befehl des Höchsten, eh die Nacht Vom Himmel weicht, das Heer der Himmlischen Fortziehen soll. Er meldet den von ihm
Erlognen Grund und wirft zweideutige, Verdächt'ge Worte drein, um ihre Treu Und Redlichkeit zu prüfen und zu täuschen. Sie all' gehorchten dem gewohnten Zeichen,
Dem höhern Machtruf des gewalt'gen Herrschers. Denn wahrlich groß war seines Namens Ruf Und hoch im Himmel stand an Würden er. Es lockte seine Machtgestalt sie an,
So wie der Morgenstern die Sterne leitet, Und voll Betrug zog er den dritten Theil Des Himmelsheeres mächtig nach sich hin. Indessen sah der Blick des Ewigen,
Der die verborgensten Gedanken sieht, Von seinem heil'gen Berg beim Strahlenglanz Der goldnen Lampen, welche nächtlich glühn, Wie sich der Aufruhr regt, ob auch das Licht,
Das ihn umgiebt, nicht jenen Raum erhellte. Er sah, wie die Empörung sich verbreitet Bei jener Engelschaar der Morgensöhne, Wie sie vereinigt waren, seinen Rathschluß
Durch wilde Widersetzung zu bekämpfen, Und lächelnd sprach er zu dem einz'gen Sohn: „Mein Sohn, in dem sich meine Herrlichkeit Ganz widerstrahlt, Du Erbe meiner Macht,
Jetzt gilt es, unsre Allmacht uns zu sichern, Und auch, mit welchen Waffen wir das Recht Auf Herrschaft oder Göttlichkeit behaupten. Ein Feind erhebt sich, der im weiten Norden
Sich einen Thron, an Macht dem unsern gleich, Errichten will, zugleich hegt er im Sinn, Im Kampf zu prüfen, was wol unser Recht Und unsre Macht. Laß uns erwägen drum,
Und unsre Kräfte rasch zusammenziehn, Die uns geblieben noch in der Gefahr, Laß Alles jetzt uns zur Vertheidigung einen, Damit wir unvermuthet nicht den Thron,
Dies Heiligthum, den hohen Stand verlieren.“ Mit göttlichheiterm, leuchtendklarem Blick Erwidert ruhig der geliebte Sohn: „O! mächt'ger Vater, Du verhöhnst mit Recht
Die Feinde dort, und spottest ihrer Pläne Und ihres Treibens, das mir Ruhm verheißt. Ihr Haß verherrlicht mich, wenn sie die Macht Mir übertragen sehn, um ihren Stolz
Zu bänd'gen, und durch Thaten zu beweisen, Ob ich Empörer zu bestehn vermag, Ob ich im Himmel der Geringste bin.“ So sprach der Sohn; doch Satan rückte schon
Weit vorwärts mit der hastbeschwingten Schaar, Ein Heer, unzählbar wie die nächt'gen Sterne, So reich, wie Perlentropfen Thau des Morgens, Die Sternen gleich auf Blatt und Blume zittern.
Fort zog's durch mächt'ger Seraphim Bereiche, Der Mächte die auf Thronen dreifach herrschen; Durch Reiche, gegen welche Dein Gebiet Nicht mehr ist, Adam, als was dieser Garten,
Verglich man ihn der Erde sammt dem Meer, Die Kugelform der Länge nach gestreckt. Nachdem sie diese Reiche rasch durchzogen, Gelangten endlich sie zu Nordens Grenze,
Und Satan zu dem königlichen Sitz, Auf einen Hügel, welcher weithin glänzte, Ein Berg gewälzt auf einen Berg, mit Thürmen Und Pyramiden, aus Demant gehaun
Und goldne Felsen, zu dem Prachtpalast Des großen Lucifer (so heißt der Bau, Wenn ihn die Menschensprache nennen will) Den Satan bald darauf, indem er kühn,
Nach Gleichheit Gottes strebend, jene Höhn Nachahmte, wo im Angesicht des Himmels Vom Ew'gen der Messias ward erklärt, Die Höhe der Versammelten benannte.
Denn hier versammelt' er die ganzen Schaaren, Und gab als Vorwand ihnen das Geheiß, Den großen König würdig zu empfangen. Und unterm Schein der Wahrheit schafft er sich,
Verleumderischer Künste voll, Gehör: „Ihr Herrscher, Fürsten, Mächtigthronende, Wenn von den prächt'gen Titeln anders noch Mehr bleibt als nur der Name, weil ein Andrer,
Durch Gottes Rathschluß alle Macht gewonnen, Und mit dem Namen des gesalbten Königs Uns ganz verdunkelt hat, für welchen jetzt All' diese Hast des mitternächtigen Zugs
Uns zur Versammlung trieb, um zu berathen: Wie wir am würdigsten mit neuen Ehren Ihn hier empfangen können, wenn er naht, – Mit Knietribut, den wir noch nie gezollt,
Schon viel zu viel für Einen! aber doppelt Entwürdigend für diesen Zweiten, den Er als sein Abbild offen ausgerufen? Wie? wenn ein bessrer Rath die Herzen stärkte
Und lehrte von dem Joch uns zu befrein? Wollt lieber ihr den Nacken drunter schmiegen Und die geschmeid'gen Kniee beugen? – Nein! Das wollt ihr nicht, wenn anders ich euch kenne,
Und ihr euch selbst, als Eingeborene Des Himmels, der zuvor nur euer war, Ihr, wenn nicht alle gleich, doch sämmtlich frei, Und in der Freiheit gleich, denn Rang und Stand
Entfernt nicht Freiheit, sondern wächst in ihr. Wer also kann denn mit Vernunft und Recht Die Herrschaft über solche sich erzwingen, Die nach dem Rechte seines Gleichen sind,
An Freiheit gleich, wenn minder auch an Macht? Wer kann Gesetz uns geben, da wir ohne Gesetz noch nie geirrt? Viel weniger Solch ein Gesetz, das einen Herrn uns giebt,
Den wir anbeten sollen, wie zur Schmach Der königlichen Titel, die beweisen, Daß wir nur herrschen, nimmer dienen sollen.“ Soweit fand seines Worts Vermessenheit
Nicht Widerstand, als plötzlich Abdiel, Ein Seraph, der am eifrigsten die Gottheit Verehrt und göttlichen Geboten folgte, Aufstand und in des strengen Eifers Drang
Dem Strome seiner Wuth sich widersetzte: „O gotteslästernde, vermessne Rede, Die nie ein Ohr im Himmel noch vernahm, Am wenigsten erwartete, von Dir
So Schimpfliches zu hören, Undankbarer, So hoch gestellt selbst über Deine Fürsten! Kannst mit verruchtem Tadel Du den Ausspruch Des Herrn verdammen, der verkündend schwur,
Daß vor dem eingebornen Sohne, dem Er erst mit Recht das Königs-Scepter gab, Sich alle Himmelsgeister beugen sollten, Um in der schuldigen Verehrung ihn
Als König zu erkennen? Unrecht nennst Du, Durch ein Gesetz die Freien binden wollen, Den Gleichen über Gleiche herrschen lassen, Und über Alle mit der größten Macht.
Willst Du Gesetze denn dem Höchsten geben? Und mit ihm rechten über Freiheitspunkte, Der Dich zu dem geschaffen, was Du bist, Der alle Himmelskräfte bildete,
Wie's ihm gefiel, und der ihr ganzes Wesen Beschränkte? Die Erfahrung lehrt uns ja, Wie gut er und besorgt für unser Wohl Und unsre Würde waltet, wie so fern
Von dem Gedanken, zu verkleinern uns, Wie er nur unser Glück zu fördern strebt, Wenn enger uns ein neues Haupt vereint, Doch wär's auch ungerecht, daß über Gleiche
Der Gleiche herrsche, kannst Du, wenn auch noch So groß und herrlich, die Natur der Engel Vereint in Einer, dem erlauchten Sohn Vergleichen, da durch ihn, wie durch sein Wort,
Der mächtige Vater alle Dinge schuf, Selbst Dich, und all die andern Himmelsgeister, Nach Graden mit der Glorie Strahlen krönte, Und zur Verherrlichung ihnen Macht ertheilte
Nach Thronen, Fürstenthümern, Tugenden, So daß sich seine Herrschaft nicht verdunkle, Vielmehr verkläre, weil als unser Haupt Er unsrer Schaar sich eint, und sein Gesetz
Zugleich das unsre wird; da Alles, was Er ihm als Ehr' erweist, auf uns auch fällt, Laß darum ab von der verruchten Wuth, Verführe diese nicht, und eile lieber
Den schwererzürnten Vater zu versöhnen, Und den erzürnten Sohn, weil Du Verzeihung, Zu rechter Zeit gesucht, noch finden kannst.“ So sprach im Zorn der Engel, aber keiner
Verlieh ihm Beistand, denn man hielt den Eifer Unzeitgemäß, seltsam und übereilt. Weshalb noch trotziger der Abtrünnige Und hocherfreut die Worte darauf sprach:
„Du sagst, daß also wir geschaffen wurden, Ein Werk von zweiter Hand, dem Sohne nur Vom Vater aufgetragen! Seltsam neue Behauptung! sprich, von wem die Lehre Du
Erlernt? wer sah's, als diese Schöpfung ward? Erinnerst Du Dich Deines Ursprungs noch, Da Dir der Schöpfer Form und Leben gab? Wir kennen keine Zeit, da wir nicht waren,
Was jetzt wir sind, wir kennen vor uns Keinen, Denn wir sind selbst erzeugt und selbst entstanden Durch eigne Kraft, als des Geschickes Lauf Den Kreis vollendet, als der Himmel uns
Als Aethersöhne selbst im Schooß gebar. Die Macht, die wir besitzen, ist uns eigen. Die eigne Rechte lehrt uns höchste Thaten, Um durch Versuch zu prüfen, wer uns gleicht.
Dann sollst Du sehn, ob wir demüthig uns Vor ihm erweisen und den Thron der Allmacht Mit Bitten oder Flehn umringen werden. Die Antwort, den Bericht vermelde nun
Ihm, dem gesalbten König, flieh jedoch, Bevor Verderben in der Flucht Dich hemmt.“ Er sprach's, und wie das Brausen tiefer Wogen Ertönte seinem Wort das heisre Tosen
Des Beifalls im unendlich großen Heer. Jedoch nicht minder furchtlos sprach zu ihm Der Flammenseraph, stand er auch allein Und eingeschlossen rings von seinen Feinden:
„Du gottvergeßner und verfluchter Geist, Fremd allem Guten! Deinen Fall gewahr' ich, Und Dein unselig Heer in treuelosen Betrug verstrickt, wie Deine Schuld und Strafe!
Nicht kümmre Dich, wie Du fortan das Joch Des göttlichen Messias meiden werdest, Solch ein Gesetz der Milde wird Dir ferner Nicht mehr gewährt, denn andere Beschlüsse,
Sind gegen Dich und ohne Widerruf. Das goldne Scepter, welches Du verworfen, Zum Eisenstabe wird's, im Dich zu geißeln Und Deinen Trotz zu brechen. Wol gemahnt
Hast Du mich, aber nicht der Drohung wegen Meid' ich jetzt diese schwerverfluchten Zelte, Nein nur aus Furcht, daß die gewicht'ge Rache In Flammenwuth nicht unterscheiden würde,
Denn bald wird Dich verzehrend Feuer treffen, Und seinen Donner wird Dein Haupt empfinden. Wehklagend lerne dann, wer Dich erschuf, Sobald Du den erkennst, der Dich vernichtet.“
So sprach der treue Seraph Abdiel, Allein getreu in der Verrätherschaar, In jener Menge Falscher unbewegt, Und unerschüttert, standhaft, unverführt
Bewahrt er seine Liebe, seinen Eifer. Nicht Zahl noch Beispiel macht ihn wandelbar, Vom Wahrheitpfad zu lassen oder nur Den Sinn zu ändern, stand er auch allein.
Fort schritt er durch den Schwarm und duldete Den Spott der Feinde muthig und erhaben, Dann wandt er voll Verachtung sich hinweg Von jenen stolzen Thürmen, deren Zinnen
So bald ein schneller Untergang ereilt.
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