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1608–1674

Das Verlohrne Paradies. Zwölfter Gesang.

John Milton

Wie ein Wanderer, welcher nunmehr zur Stunde des Mittags Etwas ruht, so eilig er auch die Reise verfolget: So verweilte der Engel sich zwischen einer zerstörten Und erneuerten Welt, ob

So mit lieblichem Uebergang fort in seiner Erzählung. Du hast eine Welt anfangen, und enden gesehen, Erster der Menschen! Ein zweyter Stamm von deinem Geschlechte Zeigte sich dir. Du hast noch viel, o

Göttliche Dinge müssen nothwendig die menschlichen Sinnen Ueberwältgen, ermüden; drum will ich, was künftig geschehn wird, Dir erzählen; gieb Acht auf meine lehrenden Worte Diese zweyte Quelle der Menschen, so lange die Zahl noch

In dem Gemüthe noch herrscht, wird Gott den Ewigen fürchten, Und das Leben mit einiger Achtung auf alles, was billig, Und was recht ist, führen. Sie werden allmählig sich mehren, Werden das Erdreich bauen, und Erndten von Oel und von Weizen,

Oftmals Stier, Lamm, oder auch Widder voll Dankbarkeit opfern, Nebst den reichlichen Opfern des Weins; an heiligen Festen Sich ergötzen, und schuldlos so in Seegen und Freuden Jhre Tage vollbringen, und, eingetheilet in Stämme,

Vis däß einer von stolzem Gemüth, voll Ehrsucht im Herzen Aufstehn wird. Nicht mit dem Stande der herrlichen Gleichheit, Oder des Bruders zufrieden, wird er der obersten Herrschaft Ueber seine Brüder sich widerrechtlich bemeistern;

Und die Thiere nicht jagen, vielmehr die Menschen. Unbillig Wird er die alle mit Krieg und feindlichen Ränken vertilgen, Die es weigern, sich ihm und seiner tyrannischen Herrschaft Zu ergeben. Darum wird er ein gewaltiger Jäger

Oder vom Himmel dadurch die oberste Herrschaft zu fordern. Von Empörung wird er den Namen erhalten Andere selbst der Empörung beschuldigt. Dann wird er mit Rotten, Die aus gleicher Eroberungssucht sich mit ihm vereinigt,

Aus den Gefilden von Eden nach Westen ziehen; da wird er Eine Ebene finden, aus deren schwangerem Boden Schwarzer harzichter Leim, wie aus dem Munde der Hölle, Siedend hervorquillt; sie nehmen sich vor, aus gebackenen Steinen

Eine Stadt zu erbauen, mit einem gewaltigen Thurme, Dessen Spitze die Wolken erreiche; sich über die Erde Einen Namen dadurch zu erwerben, damit ihr Gedächtniß Nicht in Vergessenheit komme, wenn sie in ferne Provinzen

Ob im Guten, oder im Böfen ihr Ruf sie verewge. Doch der Allmächtge, der oft herniedersteiget, die Menschen Unsichtbar zu besuchen, und ihre Hütten durchwandelt, Um auf ihre Wege zu achten; bemerket gar bald sie,

Ueber die Thürme des Himmels geragt. Zu ihrer Verspottung Schickt er einen verwirrenden Geist auf die Zungen der Völker, Jhre Sprache, die sie von ihren Vätern erlernet, Zu vertilgen, und statt derselben ein buntes Gemische

Unter der bauenden Schaar ein häßlich rauhes Geplapper; Ohne verstanden zu werden ruft einer dem andern von fern zu, Bis die heisere Stimme sich schwächt. Drauf fallen sie wüthend Untereinander sich an, weil jeder glaubet, man spotte

Alles schaute von oben herab, das Gewirre zu sehen, Und das Geräusche zu hören. So ward der Bau zum Gespötte, Und das angefangene Werk Adam, väterlich itzt darüber erzürnet, versetzte: 70O des abscheulichen Sohns, der über andere Menschen,

Ueber seine Brüder, sich einer Herrschaft bemächtigt, Die ihm der Schöpfer nicht gab! Er gab uns allein die Regierung Ueber die Thiere, die Fische, die Vögel; wir haben, vermöge Seiner Schenkung, auf sie nur ein Recht; den Menschen hergegen

Diesen erhabenen Titel hat er für sich nur behalten, Und ließ alles, was menschlich ist, frey von menschlicher Herrschaft Doch der Frevler, welcher sich so vor andern erhebet, Greift in die Rechte der Menschen nicht nur; mit dem prahlenden Thurmbau

Stolzer gebrechlicher Mensch! Was kann er vor Nahrung und Speisen Zu der ensetzlichen Höhe hinauf zu bringen sich schmeicheln, Sich und seine verwegene Schaar damit zu erhalten; Da, wo die dünnere Luft, die über den Wolken regieret,

Oder wo nicht, der Hunger gewiß nach Brodte verzehret. Michael sagte darauf: Du schämst des entarteten Sohnes Dich mit Recht; er der zuerst in den friedlichen Zustand Seiner glücklichen Brüder so viele Verwirrung gebracht hat,

Aber wisse, die wahre Freyheit ist, seit du gefallen, Schon verlohren gegangen. Sie, welche niemals zu trennen Von der gesunden Vernunft, ist immer mit ihr gepaaret. Wenn die reine Vernunft sich bey den Menschen verdunkelt,

Wilde Begierden nunmehr und wüthende Leidenschaften Sich das Zepter, und zwingen die freygewesenen Menschen Unter das Joch. Drum weil er erlaubt, daß schimpfliche Triebe Ueber die freye Vernunft in ihm regieren: so giebt ihn

Die mit Gewalt ihn auch der äußeren Freyheit berauben. Tyranney ist nothwendig, obgleich Tyrannen deswegen Nicht zu entschuldigen sind. Doch werden oft Völker von Tugend, Die allein Vernunft ist, so tief heruntersinken,

Das sie verdient, und ein schrecklicher Fluch, der über sie ausgieng, Jhrer äußeren Freyheit beraubt, nachdem sie der innern Sich so sehr verlustig gemacht. Ein Zeuge hievon ist Jener ehrenvergessene Sohn des redlichen Mannes,

Die er an seinem Vater verübt, im billigen Zorne Jenen entsetzlichen Fluch: Welcher auf sein entartet Geschlecht von dem Höchsten gelegt ward. So wird diese letztere Welt, der ersten an Bosheit

Bis Gott endlich, ermüdet durch ihre frevelnden Thaten, Seinen heiligen Blick von ihnen wendet, entschlossen, Sie auf ihren eignen verderbten Wegen zu lassen. Er wird drauf ein Volk von allen Völkern der Erde

Einem einzigen glaubigen Mann’ entsprungen. Noch wohnt er Hier am O! daß Menschen (wie kannst du es glauben!) so dumm, so verblendet, Und so verderbt zu werden vermocht, daß noch in den Tagen,

Sie den lebendigen Gott verlassen, und, also gefallen, Jhrer eigenen Hände Werk von Holz und von Steinen, Gleich den Göttern, verehrt. Jedoch der Ewige würdigt Diesen Gerechten, ihn fern von seines Vaters Behausung,

Wegzuführen, und durch ein Gesicht in ein Land ihn zu rufen, Welches er ihm zu zeigen verspricht Will er ein großes mächtiges Volk dereinst ihm erwecken, Und so sehr es segnen, daß alle Völker auf Erden

Und wiewohl er nicht weiß, nach welchem Land er ihn führet, Glaubt er doch fest. Du kannst ihn nicht sehn, ich aber erblick’ es, Mit welch einem Glauben er seine Götter, und Freunde, Und sein väterlich Land,

Lange Züge von Heerden, von Rindern und Schafen; und Mengen Seiner Knechtschaft. Er wandert nicht arm, indem er dem Gotte, Welcher ihn in ein unbekannt Land so gnädig berufen, Alle seine Haabe vertraut. An

Und um die nahegelegenen Ebnen von Hier empfieng er dieß ganze Land, nach Gottes Verheißung, Seinem Geschlecht zum Geschenk; von Bis in die Wüsten gen Süden; (ich nenne die Oerter, die itzt noch

Bis zur großen westlichen See; hier Dort das Meer; sieh beyde Plätze vor deinem Gesichte, Wie sie mein Finger dir zeichnet! sieh dort an seinen Gestaden Seine Söhne werden indeß in

Jener langen Reihe von Bergen. Dieß merke dir, Daß in seinem Saamen sich alle Völker der Erden Sollen gesegnet sehn. Durch diesen gesegneten Saamen Einst den Kopf zertritt. Bald sollst du diese Verkündgung

Deutlicher sehn. Der seelige Vater von diesem Geschlechte, Welchen die künftige Zeit den gläubigen Zeugt nur Einen würdigen Sohn; ein Enkel entstehet Und an Nachruhm gleicht. Sieh diesen Enkel! Er zieht itzt

Von zwölf Söhnen begleitet aus In ein Land, das nach der Zeit Von dem In dieß Land kömmt er, von einem jüngeren Sohne

Eingeladen, zur Zeit von einer entsetzlichen Theurung; Einem Sohne, der sich durch seine würdigen Thaten In des Und dadurch den Verdacht des folgenden Königs erwecket.

Dieser trachtet allein die große Vermehrung des Volkes Zu verhindern; sie scheinen ihm itzt für Fremde zu zahlreich, Deshalb macht er aus Gästen, ganz wider das heilige Gastrecht, Bis zwey Brüder zuletzt, sie heißen

Abgesandt werden von Gott, sein Volk aus den Ketten der Knechtschaft Wieder zu fordern, und sie, mit Ehr’ und Beute beladen, Wieder zurücke zu bringen nach ihrem verheißenen Lande. Seine Gesandten nicht ansehn will, wird endlich durch Wunder,

Und durch schwere Gerichte gezwungen. Er siehet die Flüsse Plötzlich verwandelt in Blut, das keine Schwerdter vergossen. Frösche, Fliegen, und Läus’ erfüllen mit Ekel und Abscheu Räud’ und Seuchen verderben sein Vieh; und Blattern und Beulen

Fahren auf seinem Fleisch, und seines erschrockenen Volkes Fleisch auf. Donner mit Hagel vermischt, und Hagel mit Feuer, Muß die Luft in Was das Feuer nicht frißt, Getraide, Kräuter, und Früchte,

Muß ein düsterer Schwarm gefräßger Insekten verderben, Welche die Luft verdunkeln, und auf dem Boden nichts Grünes Uebrig lassen. Finsterniß deckt die zagenden Länder, Völlig aus; dann fällt im mitternächtlichen Schlage

In Todt darnieder. Nachdem der große Drache des Flusses Mit zehn Wunden nunmehr bezähmet worden, ergiebt er Sein hartnäckiges Herz demüthiget oft sich, und immer

Wird es härter und kälter, wie Eis, das, wenn es gethauet, Härter erstarrt; und ob er sie gleich vor kurzem erlassen, Jagt er ihnen doch nach in seinem Zorne, bis endlich Sie indeß gehn zwischen zwey hohen krystallenen Mauren,

Wie auf trockenem Lande, hindurch; so standen die Wasser Durch den Stab von Moses zertheilt, bis daß die Erlösten Sicher das Ufer erreicht. Mit solchen Zeichen und Wundern In dem Engel zugegen, der in der beschützenden Wolke

Und in einer Säule von Feuer vor ihnen einherzieht; In der Wolke bey Tag’, und in der feurigen Säule Bey der Nacht, um sie auf ihrer Reise zu leiten, Sie verfolgt; die ganze Nacht durch verfolgt er sie wüthend,

Aber die Finsterniß währt bis an den dämmernden Morgen, Daß er sich ihnen nicht naht. Nun schaut aus der feurigen Säule Und aus der Wolke der Ewige nieder, verwirret die Ordnung Streckt auf Gottes Befehl noch einmal den mächtigen Stab aus,

Und die See gehorchet dem Stabe; die brausenden Wellen Stürzen auf ihre Geschwader zurück und verschlucken ihr Kriegsheer. Das erwählte Volk zieht von dem Gestade nun sicher Aber doch nicht den kürzesten Weg, damit nicht ihr Anzug

Allzugeschwind die Bewohner von Noch der Krieg sie erschrecke, da sie noch nie ihn erfahren; Oder vielleicht sie die Furcht zurück nach Aegyptenland jage, Denn das Leben ist edeln sowohl, als niedrigen Seelen,

Angenehmer und süßer, als alle Lorbeern des Krieges, Wenn sie Geschwindigkeit nicht zum Streite führet. Sie werden Auch von ihrem Verzug in diesen unwirthbaren Wüsten Fester gründen, und sich, nach ihren verschiedenen Stämmen,

Jhren Rath erwählen, der nach den bestimmten Gesetzen Sie regiere. Der Ewige selbst wird ihnen vom Berge Lauter Drommeten, Gesetze geben; Gesetze zum Theil nur Für die Ordnung des Staats, theils für die Opfergebräuche,

Um sie durch vorbildende Schatten vom künftigen Saamen Zu belehren, der einst der Schlange den Kopf wird zertreten, Er vollendet. Doch Gottes Stimm’ ist sterblichen Ohren Allzufurchtbar; drum bitten sie ihn, daß

Seinen Willen verkündge, damit ihr Schrecken sich ende, Sein erhabenes Amt bekleidet itzt Einen größeren einst zu diesem Amte zu führen, Dessen herrlichen Tag er fernen Altern verkündigt;

So wie alle Propheten in ihren verschiedenen Zeiten Wenn nun Gesetze, Sitten, und Recht befestiget worden, Hat Gott an den Menschen, die seinem Willen gehorchen, Solchen Gefallen, daß er die Hütte des Bundes bey ihnen

Aufzurichten befiehlt, und unter den sterblichen Menschen Wird ein Heiligthum ihm von Cedernholze gebauet, Ueberzogen mit Gold; und eine heilige Lade In dasselbe gestellt, und in die Lade sein Zeugniß,

Seines Bundes Denkmaal, gelegt. Ein Stuhl der Versöhnung Zweyer flammenden Cherubim stehn; hier brennen beständig Sieben Lampen vor ihm in einem schimmernden Gürtel, Und bezeichnen die himmlischen Feuer. Wie über dem Zelte

Eine Wolke bey Tage ruht, so glänzet darüber Endlich sehn sie das Land, durch seinen Engel geführet, Welches er Würde zu lang. Was haben sie nicht für Schlachten gefochten,

Oder sollt’ ich erzählen, wie in der Mitte des Himmels Still die Sonne gestanden, und mit dem gewöhnlichen Laufe Sich die Nacht zu nahen verzögert, indem ihr die Stimme Eines Menschen befahl:

Denn so wird der dritte dereinst nach Welches Adam fiel hier dazwischen ihm ein Diese Zwischenreden Adams thun eine sehr gute Wirkung, weil sonst die Erzählung des Engels, wenn sie unun- terbrochen fortliefe, zu langweilig wer- den möchte. N. . Gesandter des Himmels, 290Meiner Finsterniß Licht! du hast mir gnädige Dinge Offen- Das verlohrne Paradies. Offenbart; und besonders des gläubigen

So begnadigt von Gott, mir gezeigt. Ich finde nunmehr erst, Daß mein Auge wahrhaftig geöffnet, mein Herze vollkommen Wieder beruhiget ist, das erst mit Gedanken sich plagte, Werden würde. Nun seh ich den Tag des großen Erlösers,

In dem alle Völker der Erde gesegnet werden! O wie verdien ich die Gnade des Himmels so wenig, indem ich Durch verbothene Mittel verbothene Wissenschaft suchte! Unter ihnen auf Erden zu wohnen, so viele Gesetze

Aufgelegt sind. So viele Gesetze verrathen zu sehr nur Eben so viele Verbrechen, die unter ihnen regieren. Sprich, wie kann bey solchen Verderbten der Ewige wohnen?

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