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1608–1674

Das Verlohrne Paradies. Zweyter Gesang.

John Milton

Hoch auf einem glänzenden Thron, der königlich prächtig Allen Reichthum von Oder wo sonst nach Barbarschem Geschmack drischen Händen,

Perlen und Gold der Aufgang auf seine Könige streuet; saß itzt Satan erhaben; zu diesem elenden Vorzug Durch sein Verdienst erhaben; und da er wider Vermuthen Von der Verzweiflung so hoch empor sich geschwungen, so strebt er

Höher noch; unersättlich, den eitlen Krieg mit dem Himmel Zu verfolgen; und durch den schrecklichen Ausgang nicht klüger, Wandt er, in stolzen Träumen verlohren, sich so zur Versammlung. Thronen, Fürstenthümer, und Mächte

Denn weil keine Tief’ in ihrem untersten Abgrund Kann unsterbliche Kräfte behalten, (obgleich unterdrücket, Und gefallen;) so geb ich noch nicht den Himmel verlohren. Himmlische Tugenden werden sich bald von diesem Herabsturz

Wieder erholen, und glorreicher noch, und furchtbarer stralen, Als sie vor ihrem Falle gestralt, und dürfen sich zutraun, Nicht zum zweytenmal noch ein solches Schicksal zu fürchten. Mich, obgleich ein billiges Recht, und des Himmels Gesetze

Mich im Anfang zu eurem Haupte geschaffen, und nachher Eure freywillige Wahl, und was ich in Rath und Gefechten Sonst noch um euch verdient; so hat doch dieser Verlust mich, Da wir von ihm uns in so weit erholt, auf dem sicheren Throne

Noch weit mehr befestigt; von keinem beneidet, mit aller Völligem Beyfall. Der glückliche Zustand im Himmel, begleitet Von erhabenen Würden, vermöchte jedes Geringern Neid zu erwecken; allein wer wird hier diesen beneiden,

Den die höheste Stelle, mich, eure Schutzwehr, am nächsten Wider das Ziel des Donnerers setzt, und zum größesten Antheil An der endlosen Pein verdammet? Wo also kein Gut ist, Ueber welches gestritten kann werden, da wird von Partheyen

Auch kein Streit erwachsen. In Wahrheit, hier in der Hölle Wird wohl niemand den Vorzug verlangen; und wenn auch der Antheil Seines itzigen Elendes noch so gering ist, so wird doch Niemand mit stolzem Gemüthe nach größerem Antheile geizen.

Mit dem Vortheil also der Einigkeit, und mit der festen Treu, und dem festen starken Verbündniß, noch fester und stärker, Als im Himmel seyn kann, ziehn wir itzt wieder zurücke, Unser gebührendes Erbtheil, das uns von Alters her zukömmt,

Wieder zu fordern; und sind nun des glücklichen Fortgangs gewisser, Als wir im Glücke vordem uns zu versprechen vermochten. Aber, ob ein offener Krieg, oder heimliche Listen Zu erwählen, kömmt itzt in Rath; wer rathen kann, spreche.

Satan endigte so. Der zepterführende König So wie Homer sagt II. I, 279. ., Moloch, der stärkste frecheste Geist, so im Himmel gefochten, Stand sogleich nach ihm auf, itzt durch Verzweiflung noch frecher. Voller Hochmuth verlangt er, dem Ewgen an Macht und an Stärke

Gleich geachtet zu werden; er hielt in der Wuth es für besser, Gar nicht zu seyn, als geringer zu seyn. Mit diesem Gedanken Hatt' er auch alle Furcht verlohren; er achtete nicht mehr Weder auf Gott; noch die Hölle, noch etwas ärgers; Er sprach itzt.

Meine Meynung, ihr Götter, sie räth euch zum offenen Kriege; Unerfahrner in Listen, kann ich mit ihnen nicht prahlen. Diese mögen drauf sinnen, die nöthig sie haben; und, wenn sie Nöthig sie haben, nicht itzo, da hohe Thaten uns rufen!

Soll, indem sie so nachsinnend sitzen, der Rest, Millionen, Die in Waffen hier stehn, und mit Verlangen das Zeichen, Wieder sich aufzuschwingen, erwarten, so müßig hier sitzen Als die Verjagten des Himmels, und eine schändliche Höle,

Diese sinstre Höle der Schaam zur Wohnung annehmen, Diesen Kerker des mächtgen Tyrannen, der darum nur herrschet, Weil wir so zaudern? Nein! — Laßt lieber uns alle bewaffnet Mit der Wuth und den Flammen der Hölle, den mächtigen Weg uns

Ueber die Thürme des Himmels erstreiten, und unsere Martern Wider den Marterer selbst, in scheußliche Waffen verwandeln; Daß er an statt des Getöses von seinem allmächtigen Werfzeug, Höllische Donner vernehm’, und, statt des leuchtenden Blitzes,

Schwarze Feuer und Graus erblicke, mit eben dem Wüten Unter die Engel geschossen; — und seinen stralenden Thron selbst Mit tartarischem Schwefel und fremdem Feuer vermischt Vermischt ist hier so viel als erfüllt, nach dem Lateinischen des Virgil Aen. II, 487. At domus interior gemitu mise- roque tumultu Miscetur. Aber der innre Pallast ward mit erbärmlichen Klagen Und mit Seufzern vermischt. Pearce. Doch kann Milton das Vermischen auch im eigentlichen Verstande ge- braucht haben, weil Belial gleich nach- her V. 140. sagt. Die himmlische Masse, die keine Flecken erduldet, — — — würde bald siegend Von dem unedleren Feuer sich säubern. Z. seh; Die von ihm selbst erfundnen Plagen. Doch steil und beschwerlich

Scheint vielleicht uns der Weg, mit aufwärts gerichteten Schwingen Einem mächtigen höheren Feind entgegen zu streben. Diese mögen bedenken, wenn nicht der Schlummertrank itzt noch Aus der Vergessenheit See die träumenden Sinnen benebelt,

Daß wir von selbst nach eigner Bewegung zu unserm Geburtssitz Wieder aufsteigen müssen; — herunter zu steigen, zu fallen, Ist uns zuwider. Wer hat nicht von uns noch neulich empfunden, Als der grausame Feind an unsern geschlagenen Nachtrab

Siegend sich anhieng, und weit uns durch die Tiefe verfolgte; Wie wir mit Zwang und arbeitendem Flug so herunter gesunken? Also ist es uns leicht, hinaufzusteigen. Der Ausgang Wird gefürchtet? Wofern wir unsern Stärkern aufs neue

Wider uns reizen, so möchte sein Zorn noch schlimmere Wege, Uns zu verderben, finden; Allein ist hier in der Hölle Noch ein ärgers Verderben zu fürchten? Was ist wohl noch schlimmer, Als hier zu wohnen, vertrieben von allem Glück, und verdammet

Zu dem äußersten Weh, in dieser abscheulichen Tiefe; Wo uns Schmerzen und Pein in unauslöschlichem Feuer, Ohn' ein Ende zu hoffen, uns, seines Zornes Vasallen, Plagen, so oft als uns nur die unerbittliche Geißel,

Und die Stunde der Marter zu unsrer Züchtigung fordert. Mehr noch zerstört, als wir itzo zerstört sind, würden wir völlig Ausgelöscht seyn und vergehn. Was fürchten, was zweifeln wir also Seinen äußersten Zorn zu entzünden? Er wird uns, entflammet

In dem höhesten Grad, entweder völlig verzehren, Und dies Wesen in Nichts verwandeln; für uns viel beglückter, Als in ewigem Elend ein ewiges Wesen zu haben; Oder ist unsre Natur wahrhaftig göttlich, und kann sie

Nicht aufhören zu seyn, so kann uns nichts schlimmers begegnen, Was wir nicht schon erfahren. Durch überzeugende Proben Fühlen wir unsre Macht hinlänglich, ihm seinen Himmel Zu verwüsten, und seinen Thron, den das blinde Verhängniß

Jhm gegeben, so sicher er steht, mit beständigem Anfall Zu erschüttern. Ist dieses nicht Sieg, so ist es doch Rache. Drohend endiget er, und seine Blicke verkünd’gen Rache voller Verzweiflung, und eine Schlacht voll Gefahren

Allen geringern, als Götter. Mit einem mehr sittsamen Anstand, Und mit sanftern Geberden, erhub an der andern Seite Belial sich. Eine schönre Person verlohr nicht der Himmel; So gestaltet schien er zu erhabnen würdigen Thaten.

Aber alles war leer und betriegrisch: So sehr auch die Zunge Manna träufelte; ob er auch gleich die verdächtigsten Gründe In die besten verwandeln konnte, die reifsten Entschlüsse Zu verwirren, und aufzuhalten; denn seine Gedanken

Waren niedrig, zum Laster geschwind, doch zu edleren Thaten Furchtsam, und faul. Er wuste jedoch den Ohren zu schmeicheln, Und mit überredenden Worten begann er also:

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