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1608–1674

Das Verlohrne Paradies. Zehnter Gesang.

John Milton

Satans schändliche That, die er in Eden vollendet, Wie er unter der Schlange Gestalt, vom verbothenen Baume Ward indessen im Himmel bekannt. Was kann des Allmächtgen Jhn, den Allwissenden? Weise, gerecht, in seinen Entschlüssen,

Hindert’ er nicht, daß Denn er hatte dieß Herz mit völliger Stärke bewaffnet, Und mit freyem Willen begabt, so, daß sie die Listen Und zu entfernen, vermochten. Sie wußten zu wohl es, und sollten

Stets den hohen Befehl in ihren Gedanken behalten, Nie vom Baume zu essen, den ihnen die Stimme des Höchsten So ausdrücklich versagt, wer zu der schändlichen That auch Nicht gehorcht, da fielen sie auch (wie konnte was anders

Aus dem begangnen Verbrechen erfolgen?) in ihre Verdammniß, Und verdienten den Fall durch mannichfaltige Sünde Eilig begab sich die englische Wacht aus Traurig und stumm, und hatten gar bald sein Unglück vernommen,

Voller Verwundrung jedoch, wie sich der listge Betrüger So geheim in den Garten gestohlen. So bald man im Himmel Diese widrige Zeitung vernahm; da wurden auch alle, Düstre Betrübniß, jedoch vermischt mit zärtlichem Mitleid,

Welches sie nicht an ihrer Ruh und Seligkeit störte. Das ätherische Volk umringte die Wiedergekommnen Schaarenweis, alles von ihnen, so wie es geschehn, zu vernehmen. Zu bezeugen, wie wachsam sie in Eden gewesen,

Vor des Allmächtigen Thron. Sie sahen sehr leicht sich entschuldigt, Und der Höchste, der ewige Vater, erhub aus der Mitten Seiner geheimeren Wolken im Donner also die Stimme. Jhr allhier versammelten Engel, und ihr auch, ihr Kräfte,

Die ihr von einem mislungnen Geschäfft zurücke gekommen, Seyd durch diese Zeitung, die uns von der Erde gebracht wird, Nicht zu betrübt! Jhr konntet mit eurer treuesten Sorge Dieses nicht hindern; ich sagt’ es vorher, es würde geschehen,

Damals sagt’ ich euch schon, es würde die schlimme Gesandtschaft Nur zu sehr ihm gelingen; er würde den Menschen verführen, Alles durch Schmeicheleyen ihm rauben, dieweil er den Lügen Wider seinen Schöpfer geglaubt

Hat auf seinen freyen und ungezwungenen Willen, Den ich in ebener Wagschal’ ihm selbst zu lenken gelassen, Etwas gewirkt. Er ist gefallen! Was bleibet noch übrig, Als die Strafe, daß sie auf seine Missethat folge,

Für vergebens gedräut, indem er, wie er gefürchtet, Jhn durch einen plötzlichen Schlag sogleich nicht getroffen: Aber er soll noch, ehe der Tag verstreichet, erfahren, Daß ihn Aufschub nicht gänzlich befreyt; Gerechtigkeit soll nicht,

Doch wen schick ich hinab, die Schuldgen zu richten? Wen anders, Als dich, meinen einzigen Sohn, dich, meinen Geliebten, Welchem ich alles Gericht gegeben im Himmel, auf Erden, Und in der Hölle? Wie leicht sieht man, ich wolle mit Gnade

Jhn, den gefallenen Menschen zu richten? Dich, der du von selber Dich zu seinem Erlöser, zu seinem Lösegeld setzest; Dich den Freund, den Mittler des Menschen, dich, der du bestimmt bist, Sterblich zu werden, wie er, um ihn vom Tode zu retten.

Also der Bater; indem er voll Huld die leuchtenden Stralen Gegen die göttlichen Rechte verbreitet, und ohne Gewölke Seiner Herrlichkeit Glanz in seinem Sohne verkläret. Dieser drückte den ganzen Vater im völligen Licht aus,

Und gab also darauf mit himmlischer Milde zur Antwort: Doch mir kömmt es nur zu, im Himmel sowohl, als auf Erden, Deinen erhabenen Willen zu thun, damit du auf immer In mir, deinem geliebtesten Sohne, zufrieden ruhest.

Also geh ich hinab, allmächtiger Vater, auf Erden Sey auch, welches es sey, so fällt das schwereste dennoch Auf mich selber, wenn sich die Fülle der Zeiten genahet. Denn so hab ichs gelobt vor deinem heiligen Antlitz,

Und, indem michs noch itzo nicht reut, erlaubest du billig, Aber ich will die Gerechtigkeit so mit der Gnade verbinden, Daß es offenbar werde, wie sehr sie befriediget worden, Und du besänftiget seyst. Ich habe keine Begleitung,

Kein Gefolge vonnöthen, weil niemand dieses Gerichte Wird abwesend am besten verdammt, indem ihn die Flucht schon Ueberzeuget, und er sich allen Gesetzen entzogen; Ueberzeugung verdienet sie nicht, die höllische Schlange.

Also sprach er, und stand von seinem stralenden Stuhl auf, Jhn begleiten die himmlischen Mächte, die dienenden Kräfte, Bis zu den Thoren des Himmels, von da die Aussicht von Eden, Und der Gegend umher, sich ihm eröffnete. Plötzlich

Eilt er hinab; die Schnelle der Götter berechnet die Zeit nicht, Und schon sank die Sonne zu ihrer westlichen Neige Tief vom Mittag herab, und zu der gewöhnlichen Stunde Machten lispelnde Lüfte sich auf

Und aus Westen herzu die Kühlung des Abends zu führen: Unter den Bäumen sich naht, den schuldigen Menschen zu richten. Sie vernahmen die Stimme Gottes, indem sie im Garten Wandelte; durch sanftwehende Winde gelangte sie itzo,

Da sich der Tag zu neigen begonnen, zu ihren Ohren. Sich zu verbergen unter der Hülle der dickesten Bäume, Beyde der Mann und das Weib; bis daß Gott näher hinzutrat, Und mit vernehmlicher Stimm’

Ich vermisse dich hier, und bin sehr übel zufrieden, Daß ich so einsam mich seh. Wie sehr bezeigtest du ehmals Deine Pflicht mir von selbst. Komm’ ich itzt weniger herrlich? Oder welche Verändrung entfernt dich aus meinem Gesichte?

Er kam näher, und Ob sie vorher gleich die erste gewesen, die Sünde begangen. Beyde waren entstellt, und verstört; in ihrem Gesichte Sah man nicht Liebe zu Gott, nicht Liebe gegeneinander,

Und des Zornes, der Hartnäckigkeit, der Falschheit, des Hasses; Bis nach ängstlichem Stammeln dieß Deine Stimme vernahm ich im Garten Denn ich bin nackt, und verbarg mich vor dir. Der gnädige Richter

Hast du nicht meine Stimme gehört, sie niemals gefürchtet, Sondern dich drüber erfreut; wie ist sie dir itzo so furchtbar? Daß du nackt bist, wer sagte dir das Etwan gegessen, den mein Befehl so sehr dir verbothen.

Mit belastetem Herzen gab Himmel! wie seh ich heute mich nicht unschlüßig, verlegen, Hier vor meinen Richter gestellt! Ich seh mich gezwungen, Ganz entweder auf mich ein solches Verbrechen zu nehmen;

Oder ich muß mein anderes Selbst, die theure Gehülfinn Dieses Vergehn nicht lieber verhehlen, und Tadel und Schande So ihr ersparen? Doch harte Noth, und trauriger Zwang treibt Mich hiezu, damit nicht zugleich die Sünd’ und die Strafe

Mich, so unerträglich sie sind, allein nur beschweren. Was ich vor dir verhehlt. Dieß Weib, Herr, das du gemacht hast, Mir zur Hülfe, das du, als deine vollkommenste Gabe, Mir geschenket, sie, die mir so gut, so wünschenswerth vorkam,

Und so völlig gemacht für mich, so göttlich mir dünkte, Deren Thun, so wie es auch war, durch Anmuth doch recht schien, Diese — sie gab mir vom Baum; ich habe mit ihr gegessen Die erhabenste Gegenwart Gottes gab also zur Antwort:

War sie denn etwan dein Gott, daß du, vor meinen Gebothen, Oder erschuf ich sie dir nur gleich, daß du ihr die Mannheit Hingabst, und die Stelle vergaßest, in welche dein Schöpfer Dich weit über sie setzte, indem er aus dir sie erschaffen,

Und für dich sie gemacht, und deine Würde, vor ihrer, Daß sie deine Liebe gewönne; doch sollte sie dadurch Dich nicht beherrschen! Die Gaben, die sie so liebenswerth machten, Waren von keiner anderen Art; sie sollten nicht herrschen,

Sondern von dir, von ihrem Haupte, beherrschet werden; Als er dieses gesagt, sprach er mit kurzem zu Sage mir, Weib, was hast du gethan Fast hinsinkend vor Schaam, bekannte sogleich ihr Verbrechen,

Nicht geschwätzig, noch frech, vor ihrem Richter. Betroffen

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