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1608–1674

Das Verlohrne Paradies. Zehnter Gesang.

John Milton

Blumen waren ihr Lager; Violen und Hyacinthen, Und hier nahmen sie sich die Fülle wollüstiger Liebe, Als das Siegel von ihrem Verbrechen, die einzige Tröstung Für die begangene Sünde; bis endlich, völlig ermattet

Vom wollüstigen Spiel, ein feuchter Schlummer sie einwiegt. Mit erheiternden Dünsten gewallt, und die innersten Kräfte In die Jrre geführt, nunmehr verraucht war; und schwerer Gröberer Schlaf, von dicken unsanften Dämpfen erzeuget,

Und anklagenden Träumen gestört, nunmehr sie verlassen: Sahen sich an, und fanden gar bald ihr Auge geöffnet, Und das Licht des Verstandes verfinstert. Der Schleyer der Unschuld, Welcher sie vor der Erkenntniß des Bösen bisher noch geschirmet,

War nun dahin; das gerechte Vertraun, die ursprüngliche Tugend, Und ließ bloß die schuldige Schaam bey den Nackten zurücke, Die sie bedeckte, doch deren Gewand nur mehr noch entdeckte. Also stand der starke

Aus dem wollüstigen Schooße der Saßen sie lange schweigend und stumm, mit verwirrtem Gesichte, Wie an ihrer Zunge gelähmt. Doch endlich stieß Obgleich eben so sehr v

Aus dem traurigen Munde die unterbrochenen Worte. O! zur unglücklichsten Stunde hast du der betrügrischen Schlangen, Nachzumachen sie lehrte! Wir finden in unserem Falle Sie zu wahr nur, doch falsch in unsrer versprochnen Erhöhung.

Leider ist unser Auge geöffnet! Wir kennen das Gute, Traurige Frucht der Erkenntniß, wenn dieses zu wissen erlangt wird, Was so nackend uns läßt; uns dieser Ehre beraubet, Dieser Reinigkeit, Unschuld und Treu, die ehmals uns schmückten;

Jtzo besudelt, befleckt! In unserm Angesicht brennen Und die Schaam, das letzte der Uebel, die uns von dem erstern Keinen Zweifel mehr läßt. Wie soll ich das Angesicht Gottes, Und der Engel, in Zukunft ertragen? ich, der es vorher oft

Mit entzückenden Freuden geschaut? Die ätherschen Gestalten, Werden mein Jrdisches völlig verblenden. O könnt’ ich hier einsam, Wild, im dicksten Gehölze verborgen, mein Leben vollenden; Da, wo die höhesten Wälder mit undurchdringlichen Zweigen

Allem Lichte von Sonn’ und Sternen den Eingang verwehren, Schwarz als die Nacht. Verhüllt mich, ihr Tannen! verhüllt mich, ihr Cedern, Mit den unzähligen Zweigen, damit ich, darunter verborgen, Nimmer sie seh! Doch laß uns nunmehr in dem kläglichen Zustand

Mit einander erwägen, wie wir für dießmal die Theile, Jtzo so wenig geziemt, einander am besten verbergen. Jrgend ein Baum kann vielleicht, wenn wir die breitesten Blätter Aneinander gefügt, die nackten Lenden umgürten,

Und den mittleren Leib mit seiner Hülle bedecken, Unsre Verbrechen verräth, und uns Unlauterkeit vorwirft. Dieses rieth In den dichtesten Wald, und wählten zu ihrer Verhüllung

Sich den Feigenbaum aus; nicht diesen, welcher berühmt ist Welcher in Und in Senken sich oft zum Boden herab, und schlagen drinn Wurzel,

Daß ein fruchtbarer Kreis von nebensprossenden Töchtern Hochgewölbt, hängt, und unter ihm Reihn von schallenden Gängen. Hier sucht oft der Indische Hirt im Schatten Erfrischung Vor des Mittags brennendem Stral, und treibet die Heerden

Unter das Dach der dichtesten Zweige. Von eben den Blättern Aneinander, die Schaam der nackenden Lenden zu decken. Eitle Bedeckung vor Schuld, und vor der gefürchteten Schande, Nur zu ungleich nunmehr dem ersten nackenden Schmucke!

So fand unter den Bäumen von waldichten Inseln und Küsten Uebrigens nackend, und wild. Nachdem sie sich also bekleidet, Und die beschwerliche Schaam zum Theil, wie sie meynten, verhüllet, Ob ihr Herz gleich dadurch nicht ruhiger, leichter geworden:

Saßen sie nieder, und weinten. Es strömten nicht Thränen allein nur Zu entstehn; Zorn, Mistraun, und Haß, und Zwietracht und Argwohn, Die ihr Gemüth von Grund auf empörten. So wie es vorhero Still und friedlich gewesen, so war es itzt stürmisch und trübe.

Denn der Verstand regierte nicht mehr; der Wille gehorchte Sinnlicher Lust, die aus der Tiefe, woraus sie sich aufschwang, Ueber die höchste Vernunft die Oberherrschaft verlangte. Aus solch einem zerrütteten Herzen erneuerte

Mit verstelltem Gesicht, und sehr verändertem Tone, Wärst du doch meinen Worten gefolgt, und wärest geblieben, Wie ich so zärtlich dich bath, als diesen unglücklichen Morgen Die seltsame Begierd’ umher zu wandern, dir einfiel,

Ohne zu wissen, warum: so wären wir itzo noch glücklich, Elend, nackend, beschämt! O suche doch niemand in Zukunft, Wenn die Noth ihn nicht zwingt, die schuldige Treu zu bewähren. Und wenn jemand mit Ernst dergleichen Prüfung sich wünschet,

O so denke man nur, daß er zu fehlen schon anfängt. Plötzlich empört durch diese Beschuldgung, gab Welche beleidgende Worte sind deinen Lippen entfallen, Strenger

Oder der Lust umherzuwandern, so wie du es nennest? Hätte dieß Unglück vielleicht nicht eben so gut uns betroffen, Wärst du auch bey mir geblieben, und wäre die listge Versuchung Hier auch geschehn: so hättest du doch gewiß bey der Schlange,

Die so redete, wie sie geredt, Betrug nicht gemerket. Nicht der mindeste Grund war da von Feindschaft vorhanden, Sagst du: wär ich doch nie dir von der Seiten gekommen! Eben so gerne wär ich, als eine leblose Ribbe,

Ewig dran kleben geblieben. So wie ich einmal gemacht bin, Warum hast du, mein Oberhaupt, denn mir durchaus nicht befohlen, Du warst selost zu gelinde; du hast nicht sehr mich bestritten, Hast es gebilligt, erlaubt, und freundlich mich von dir gelassen.

Hättest du ernster und fester auf deiner Verweigrung beharret, So hätt’ ich nicht gefehlt, so wärst du mit mir nicht gefallen. Jtzt zum erstenmal zornig gab Ist dieß die Lieb’? Ist dieß die Belohnung der treuesten Liebe,

Die ich dir, Undankbare, so voller Großmuth bezeiget, Da du verlohren warest, nicht Ich? Ich konnte ja leben, Und unsterbliche Freuden genießen, und wählte mit dir doch Deines Verbrechens? Bin, wie du sagst, in meinem Verbothe

Strenge genug nicht gewesen? Was konnt ich denn mehr noch? Ich warnte, Ich ermahnete dich, und sagte vorher die Gefahr dir, Und den laurenden Feind, im Hinterhalte verborgen. So hat Zwang hier nicht statt. Doch ein zu stolzes Vertrauen

Trieb dich fort; du verließest dich drauf, daß keine Gefahr sey, Oder daß du dadurch zu einer rühmlichen Prüfung Anlaß bekämst. Auch ich, ich habe vielleicht drinn gefehlet, Und gedacht, es dürfe sich dir kein Uebel nicht nahen.

Diesen Jrrthum bereu ich zu spät; er wird mein Verbrechen, Und macht dich zu meinem Verkläger. So wird es in Zukunft Jeglichem gehn, der zu sehr der Tugend des Weibes vertrauet, Und, ist sie sich selber gelassen, und folget draus Unglück:

Wird sie am ersten die Schuld auf seine Gefälligkeit werfen. So verschwendeten sie in wechselsweiser Beschuldgung Fruchtlos die Stunden, da keines von ihnen sich selber verdammte;

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