Voller Demuth standen sie so, mit reuigem Herzen Jm Gebethe vor Gott; denn seine vorkommende Gnade Stieg zu ihnen herunter vom Thron der milden Versöhnung; Nahm das steinerne weg von ihrem Herzen, und machte
Stieß es itzt aus, so wie sie der Geist des Gebethes ihm eingab, Der mit schnellerem Flug, als auf der Beredtsamkeit Schwingen, Sie zum Himmel aufbrachte. Doch nicht wie gewöhnlicher Bether War ihr Flehn; auch war die Bitte nicht weniger wichtig,
Das ertrunkne Geschlecht der Menschen durch sie zu ernenen. Jhr Gebeth flog gerade hinauf zum Himmel, und wurde Es gieng durch die Thore des Himmels unkörperlich, hinwärts Zu dem goldnen Altar, der vor dem Ewigen flammte;
Durch den Und kam so zum Throne des Vaters. Mit heiterem Antlitz Sieh, o Vater, die ersten Früchte der himmlischen Gnade Auf der Erde, die du ins Herz der Menschen gepflanzet!
Diese Seufzer, dieß heiße Gebeth, das ich, als dein Priester, Hier in diesem güldenen Rauchfaß, mit Weihrauch vermenget, Welchen du durch Zerknirschung in ihre Herzen gesäet; Früchte von angenehmerm Geschmack, als er sie in Eden
Durch die Pflege der herrlichsten Bäume, noch eh er gefallen, Zu erzeugen vermocht. O neige zu seinen Gebethen, Ob er gleich vor dir verstummt! Und da er so wenig geschickt ist, Mit den gehörigen Worten zu bethen; so laß du für ihn mich
Es erklären; mich, seinen Beschützer, mich, seine Versöhnung. Alle seine Werke, sowohl die guten, als bösen, Durch mein göttlich Verdienst, und für die andern bezahlet Dir, o Vater, mein Tod. Nimm mich für ihn, und empfange
Durch mich den Friedensgeruch vom Menschengeschlechte! versöhnet, Laß ihn leben vor dir! zum wenigsten seine gezählten, Bis ihn einstens der Tod, (sein ihm gesprochenes Urtheil, Das ich nicht aufzuheben, nein, nur zu mildern versuche,)
In ein besseres Leben voll Wonne hinübergebracht hat, Wo sie, die ich erlöst, in ewiger Seeligkeit wohnend, Ohne Wolken, und heiter versetzt der Vater ihm also: Alles, was du von mir für deine Menschen gebethen,
Sey dir gewährt, geliebtester Sohn; denn was du mich bittest, War mein Rathschluß. Doch deß der Mensch noch länger in Eden Jene himmlischen reinern unsterblichen Elemente, Welche mit nichts von grober und unharmonischer Mischung
Sich vereinen, die stoßen nunmehr ihn, da er befleckt ist, So wie Schlacken von sich, zu einer gleichen, befleckten, Zu der Auflösung, die in ihm die Sünde vollendet, Zubereitet wird. Die Sünde hat alles am ersten
In der Natur verpestet, befleckt; hat alles verderbet, Was sonst unverdorben gewesen. Ich schuf ihn im Anfang Und Unsterdlichkeit. Da er das erste so thöricht verlohren, Würde das letzte zu nichts, als ewigem Jammer ihm dienen,
Hätt’ ich nicht dem Tode gerufen. Die letzte Befreyung Giebt ihm also der Tod. Nach einem Leben voll Elend, Wieder gereinigt, soll er zu einem besseren Leben Mit den Gerechten erwachen, wenn Himmel und Erde verneut wird.
Laßt uns indeß der Seeligen Schaar zu hoher Versammlung Aus den weiten Bezirken des Himmels zusammenberufen; Nicht verbergen, wie mit dem Geschlechte der Menschen ich handle, So wie sie neulich es sahn an jenen rebellischen Engeln,
Und dadurch mit größerer Treu, so fest sie auch stunden, Doch im Gehorsam befestigter noch zu stehen gelernet. Also sprach er: Der Sohn gab seinem glänzenden Diener, Der um ihn wachte, das Zeichen. Er stieß in seine Posaune,
Die in späteren Zeiten vielleicht auf Da Gott niedergestiegen; und die vermuthlich noch einmal Bey dem Weltgericht tönt. Die weiten Gefilde des Himmels Machten sich auf, so wie sie ihn hörten, aus ihren Bezirken,
Aus den seeligen Lauben, und amaranthenen Schatten, Wo sie an Brunnen und Quellen, und an den Wassern des Lebens Hier, oder da, in geselliger Freude beysammen saßen, Jeder begab sich auf seinen Sitz; drauf that der Allmächtge
Also seinen erhabenen Willen vom obersten Thron kund. O ihr Söhne, der Mensch ist worden, als unser einer Und kennt beydes das Gut’ und das Böse, seitdem er gegessen Des verlohrenen Guten und des erworbenen Bösen
Rühmen! Wie glücklicher, wenn er sich stets begnüget, das Gute Ganz allein nur zu kennen, und nie das Böse. Nun traurt er, Steht voll Reu, und bethet zu mir mit zerschlagenem Herzen, In ihm daurt, kenn ich sein Herz; ich weiß es, wie eitel,
Wie veränderlich es, sich selber gelassen, ihn täuschet. Daß er also nicht auch mit seinen verwegenen Händen Sich zu größerer Schuld am Baume des Lebens vergreife, Ewig zu leben, so hab ich beschlossen, ihn auszutreiben,
Und ihn aus diesem Garten zu senden, damit er den Boden Baue, von dem ich ihn nahm, und der sich besser für ihn schickt. Michael, meinen Befehl wirst du verrichten. Nimm zu dir 105Einige von der Cherubim Schaar, den tapfersten Ausbund Flammender Krieger, damit nicht der Feind, zum Besten des Menschen,
Oder sich selbst im Besitz des erledigten Platzes zu sehen, Neue Verwirrungen stifte. Begieb dich mit eilenden Schwingen Zu der Erde hinab; treib aus dem Paradies Gottes Treib die Unheiligen aus, und ihnen, und ihrem Geschlechte
Kündge die ewge Verbannung an aus Edens Gefilden! Aber damit sie vor Furcht nicht unter dem Urtheil erliegen, Wenn zu scharf es sie träfe; denn ihre gebeugeten Herzen Den sie gethan: so verhülle vor ihnen die Schrecknisse Gottes;
Und woferne sie deinem Befehl geduldig gehorchen, Sollst du sie, nicht ungetröstet, aus Eden erlassen. Offenbare dem Ersten der Menschen, was künftig geschehn wird, Und so erlaß ihn von dir, zwar traurig, aber in Frieden.
An der östlichen Seite des Gartens, an welcher am leichtsten Sich der Weg hinauf zu Edens Hügel erstrecket, Setze die Wache der Cherubim hin, und die schimmernde Flamme Und den Weg zum Baume des Lebens dadurch zu verwehren;
Daß nicht Eden zuletzt unreine Geister bewohnen, Und sie sich aller der Bäume, die ich gepflanzet, bemächtgen, Mit der gestohlnen Frucht die Menschen noch mehr zu betrügen. Dieses sagt er. Die englische Kraft bereitet sich alsbald
Zu der schnellen Hinabfarth; mit ihm ein glänzender Haufen Flammender Cherubim. Jeglicher hatte vier Angesichter Wie ein doppelter Mit hellblitzenden Augen bedeckt; in größerer Anzahl,
Durch den bezaubernden Ton von einer arkadischen Flöte, Oder vom Hirtenrohre Schlummerschaffenden Stab’ in Schlaf zu wiegen gewesen. Unterdessen erwacht, um mit dem heiligen Lichte
Floß von ihr auf die Fluren herab: als Jhre Gebethe vollbracht; sie fühlten Stärkung von oben, Neue Hoffnungen, sich aus ihrer Verzweiflung zu retten; Freude, jedoch mit Furcht noch vermischt. Mit leichterem Herzen
Eva, wie billig findet es Glauben, daß alles das Gute, Das wir genießen, vom Himmel uns kömmt; daß aber von uns auch Etwas sollte zum Himmel hinauf den Weg sich erstreiten, Welches vermögend wäre, des allerfeeligsten Schöpfers
Ist zu schwer nur zu glauben. Und doch thun dieses Gebethe, Oder ein kurzer flehender Seufzer des menschlichen Athems, Der hinauf zu dem Throne des Ewigen steiget! Seitdem ich Mich bemüht, die beleidigte Gottheit durch meine Gebethe
Meine ganze Seele gebeugt: so, dünkte mich, sah ich Jhn voll Gnade, versöhnt, und mild’; er neigte, gerühret, Zu mir sein Ohr; die Zuversicht wuchs in meinem Gemüthe: Daß er mein Flehn in Gnaden erhört; der Friede kam wieder
Daß dein Saamen einst unserem Feinde den Kopf soll zertreten. Dieses, das ich vorher in meinem Jammer vergessen, Ueberzeuget mein Herz, des Todes Bitterkeit sey uns Gänzlich nunmehr vorübergegangen, — wir werden leben!
Mutter des Menschengeschlechts Mutter! indem der Mensch durch dich nur lebet, und alles Für den Menschen allein das Leben auf Erden erhalten. Eva mit traurigsanftem Gesicht gab also zur Antwort: 170Diesen Namen kann ich, o Adam, wenig verdienen,
Ich, die Verbrecherinn, die dir allein zur Gehülfinn bestimmt war, Und dein Fallstrick geworden! Nichts könnt ich verlangen, als Mißtraun, Tadel, Verweis! Wie unendlich indeß war in der Verzeihung Er, mein Richter! Ich, die den Tod auf alles gebracht hat,
Du auch, gütig bist du, da du so hoher Benennung Würdig mich hältst; mich, die weit andere Namen verdiente! Doch das thauende Feld, so itzo frischer umhersieht, Ruft uns zur Arbeit, die wir im Schweiße verrichten sollen,
Welcher nicht achtet darauf, daß wir so wenig erquickt sind, Naht sich lächelnd bereits mit rosenfarbenen Schritten. Laß uns gehn! Ich werde von deiner Seite mich künftig Nie mehr trennen, so weit die Arbeit auch immer entfernt liegt,
Uns beschäfftigen soll, bis sich die Sonne geneiget. Da wir hier wehnen, was kann, in diesen reizenden Auen, Uns verdrüßlich seyn? Hier, laß, o Ruhig, zufrieden; obgleich in einem gefallenen Stande.
So sprach Unterschrieb nicht den Wunsch! die Natur gab mancherley Zeichen An der Luft, und an Vögeln und Thieren. Die feurige Luft ward Plötzlich, nach einer flüchtigen Röthe des Himmels, verdunkelt.
Nahe vor ihrem Gesicht schoß aus den Lüften der Vogel Vor sich her. Das Thier, das in dem Walde regieret, Fieng nunmehr zum erstenmal an nach Blute zu jagen; Einem gefälligen Paar, dem sanftesten Paare des Waldes
Setzt es nach, dem Hirsch und der Hindinn; sie nahmen gerade Sah es Und drauf wandt er sich so, nicht ohne Bewegung, zu Eine noch größre Verändrung, die nicht mehr weit ist, o
Wartet auf uns! Der Himmel giebt sie durch traurige Zeichen Oder er warnt uns vielleicht, nicht auf die Erlassung der Strafe Allzusicher zu bauen, wenn in den wenigen Tagen Uns der Tod bisher noch verschont. Wer weiß es, wie lange
Wir noch sind, und wer weiß, was unser Leben noch seyn wird? Daß wir bestimmt sind, einmal zur Erde zurücke zu kehren, Nicht mehr zu seyn! — Warum wird diese doppelte Flucht uns In der Luft, und auf Erden gezeigt, zu einerley Stunde.
Und auf einerley Wege? Warum herrscht Dunkel im Osten, Ein weitschimmerndes Morgenroth mit helleren Stralen, Welches das blaue Gewölbe mit blitzendem Glanze bekleidet, Und mit etwas vom Himmel beladen allmählig herabsteigt?
So sprach Und verweileten sich auf einem Hügel. Wie glorreich War die Erscheinung, wenn Zweifelmuth, Angst, und fleischliche Furcht nicht Da der Unsterblichen Schaar in
Ringsum die Felder bedecket gesehn; auch die nicht, die nachmals Auf den stralenwerfenden Höhn in Als die Hügel umher ein feuriges Lager bezirkte Wider den Syrischen König, der eines Einzigen wegen,
Gegen Seinen Engeln daselbst, nach ihrer glänzenden Ordnung, Jhren Posten, und ließ durch sie den Garten besetzen. Er indeß gieng ganz allein, um
Der bey der Ankunft des großen Besuchs zu Eva, erwarte nunmehr die wichtigste Nachricht! sie wird uns Unser Geschick bald näher bestimmen; vielleicht auch des Himmels Neue Gesetze, die wir erfüllen sollen, verkündgen.
Welche den Hügel bedeckt, vom Heere der Himmlischen Einen Zu uns eilen; nach seinem Gang erscheint er gewiß nicht So wie einer der Letzten; vielmehr der erhabensten Thronen, Und der Mächtigsten einer zu seyn; so schmücket ihn Hoheit
Oder furchtbar für uns; doch auch so mild nicht, so gütig, So voll Freundschaft, wie Jhm zu begegnen, so feyerlich ist sein ernsterer Anstand. Daß er sich nicht für beleidiget halte, muß ich ihm mit Ehrfurcht,
Hier beschloß er. Schon nahte sich ihm der Gesandte des Höchsten, Nicht in der himmlischerhabnen Gestalt, nein, menschlich bekleidet, Um mit Menschen zu reden. Ein kurzes Kriegergewand floß Ueber die blitzenden Waffen, in höheren Purpur getauchet,
Jhn gefärbt; so wie vor Alters ihn Könige trugen, Oder Helden, an Tagen, da ihre Waffen geruhet. Sternenblitzender Helm, wies ihn in der Blüthe der Mannheit, In dem schimmernden Gürtel das Schwerdt; das tödtliche Schrecken
Bückt sich, königlich, nicht, und eröffnet ihm seine Gesandtschaft. Adam, des Himmels hohe Befehle bedürfen nicht langer Eingangsreden; genug, daß deine tiefen Gebethe Von ihm erhört sind. Der Tod, den, kraft des gesprochenen Urtheils,
Du am Tage bereits, da du gesündigt, verdientest, Sieht sich seiner Beute nun viele Tage beraubet, Und die sündige That mit vielen besseren Werken So bedeckst. Dann mag dein Gott, nun mit dir versöhnet,
Vom raubgierigen Rechte des Todes dich gänzlich befreyen. Aber länger allhier im Paradiese zu wohnen, Dich aus diesem Garten zu senden, damit du den Boden Bauest, von dem er dich nahm, und der sich besser für dich schickt.
Michael fügte nichts weiter hinzu; denn über die Nachricht Stand schon Jhren Aufenthalt so mit diesen vernehmlichen Klagen. O des unerwarteten Schlags
Als der Schlag des Todes! Muß ich dich also verlassen, Welcher mich werden gesehn! euch, o ihr seeligen Auen, Euch ihr Schatten und Lauben, ein Wohnplatz selber für Götter Nicht zu schlecht, in welchem ich hoffte, zwar traurig, doch ruhig,
Jene Fristung des Tages zu enden, der einmal uns trennen, Die ihr gewiß nicht wieder in andern Gegenden wachset, Jhr, des Morgens mein früher Besuch, des Abends mein letzter, Die ich mit zärtlicher Hand von der ersten sich öffnenden Knospe
Aufgezogen, und Namen euch gab; wer wird euch in Zukunft Und aus jenem ambrosischen Quell gehörig euch wässern? Und du zuletzt, o Hochzeitslaube! Du, die ich mit allem Ausgeschmückt, was dem Gesicht, und was dem Geruche geschmeichelt,
O wie soll ich mich scheiden von dir? wie soll ich hinunter Gegen diese hellen Gefilde? wie sollen wir athmen In der niedern schwereren Luft, die weniger rein ist, Da wir so lange bereits unsterblicher Früchte gewohnt sind?
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