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1861

XLIXNachtgespräch

Conrad Ferdinand Meyer

Mit glühnden Spuren ist der Tag entflohn, Am Himmel blitzen frühe Sterne schon. Der Alte sitzt auf seiner Lieblingsbank: Du träumest, Pfarrer? Rück ein wenig! Dank.

Was schaust verzückt du auf zum Himmelszelt? Was siehst du droben? – „Ritter, Welt an Welt! Erfahrt, daß unter uns, die wir bemüht Um die Natur sind, ein Geheimnis glüht!

Mir hat's ein fahrnder Schüler anvertraut. Neigt Euch zu mir! Man sagt's nicht gerne laut. Ein Chorherr lebt in Thorn, der hat gewacht, Bis er die Rätsel deutete der Nacht.

Herr Köpernik beweist mit bünd'gem Schluß, Daß – staunet – unsre Erde wandern muß! Wißt, um die Fürstin Sonne kreisen wir Und glaubten dienend uns umkreist von ihr!

Ihr meint, wir sitzen ruhig hier? Erlaubt – Wir schweben, wie von Adlerkraft geraubt! Nicht wandern, Ritter, wir allein! Erhebt Das Haupt! Der ganze Himmel zieht und lebt!

Ein Kreis von Pilgern ist's, der uns umringt, Von denen jeder sanft den andern zwingt, Und unser Sternlein ist in dieser Schar Wohl einer der geringsten Pilger gar.

Wir nahmen Welt und Himmel uns zum Raub, Wir wähnten uns das All und sind ein Staub. Doch besser als ein König und allein Ist Bürger eines großen Reichs zu sein.

Mit höhern Welten bringt uns unser Gang In einen leuchtenden Zusammenhang! Ein neues Leben wird uns aufgetan Auf hellern Stufen nach durchlaufner Bahn.

Ich lieb Euch, Hutten, und ich möchte gern Euch wiedersehn auf einem schönern Stern. Je näher dem Gestirn, das ewig ruht, Um desto reiner wird die Liebesglut.

Die Leiter ist's, die Jakob einst erblickt. Ihr lächelt, Ritter? Red ich ungeschickt? Ist's zu begehrlich, was mir ahnen will? Ins Dunkle blicket Ihr und bleibet still...“

– Auf Ufnau, Pfarrer, ist der Abend kühl. Ruhsame Nacht! Ich suche meinen Pfühl Und laß Euch mit den Sternen jetzt allein, Ich möchte morgen wieder wacker sein.

Erst dien ich aus auf Erden meine Zeit Und bin ich dannzumal nicht dienstbefreit, Verteilt man auf den Sternen neues Lehn – Wohlan! ich denke meinen Mann zu stehn.

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