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1861

XIIRomfahrt

Conrad Ferdinand Meyer

Erwerben wollt ich fremder Muse Gunst, Den edlen Kranz der alten Redekunst. Latein gedrechselt hab ich manches Jahr Und ein Latein, das schlank und zierlich war.

Nun blieb mir die Rotunde noch zu sehn, Als Pilger auf das Kapitol zu gehn. Am Wege traf ich manchen Lorbeerstrauch Und Myrtenbusch und manchen Fladen auch.

Gewölk und schneid'ger Wind und Tannenduft Bekommt mir besser als die welsche Luft. Die Trümmer sah ich alter Römerpracht Zur Festung dienen einer Priestermacht.

Entartet und verheuchelt sah ich da Den Kopf des Claudiers und der Claudia. Ich sah ein Weib, das mit sich handeln ließ, Die man die „allgemeine Kirche“ hieß.

Ich fand von feiler Schreiberschar entweiht Die ciceronische Beredsamkeit. Ich sah, wie man in dieser Pfaffenstadt Uns ohne große Kunst zum Narren hat,

Sah unsrer Väter Glauben in der Hand Ungläub'ger Priester als ein Gängelband. Sag ich es kurz und klassisch, was ich sah Am Tiberstrom? Cloaca maxima!

Mich freute Tempel nicht, noch Monument. Mein Volk verachtet sehn! Das würgt und brennt! Mir den Geschmack zu bilden hofft ich dort Und bitter war der Mund mir immerfort.

Mir gor das Blut, die Galle regte sich, Ich sprach: Jetzt, Hutten, schilt! sonst tötet's dich. Vor Petri neuem Tempel höhnt ich laut: Der Simon hat's mit unserm Geld gebaut!

Was soll die übermüt'ge Pfarre da Mit Zinne, Portikus und Statua? Wir wissen es, wer hier zu Miete saß: Der unverschämten Hölle frechster Spaß!

Der Stier im Wappen sagt: Hie hat gehaust Der Borgia Lust, davor's dem Teufel graust! Der zehnte Leo nun verkauft den Geist, Der über seinem roten Käppchen kreist!

Du malest, Raffael, zu seinem Glanz? Freund! Mal ihm einen dreisten Totentanz, Damit der Unfehlbare nicht vergißt, Daß er, wie wir, ein armer Sünder ist.

Ich ging. Mit einem derben Kohlenstrich Beschrieb des Vatikanes Mauer ich: „In diesen tausend Kammern thront der Trug! Ein Deutscher kam nach Rom und wurde klug.“

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