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1825–1898

Wundfieber.

Conrad Ferdinand Meyer

„berggeist, ich höre deine Ströme rauschen — Gieb mir Gehör! Wir wollen Rede tauschen! Du von der Firne mondenhellen Hängen, Ich aus der Krankenkammer schwülen Engen!

Denn wisse, Geist, ich liege hier gefangen Und lasse den geknickten Flügel hangen. Ich ächz' und stöhne, den gelähmten, wunden, Gebrochnen Arm dicht an den Leib gebunden.

Zwei kurzer Wandertage süßes Träumen — Und dich verdroß ein Gast in deinen Räumen. Vom Tische stießest du den freud'gen Zecher, Entrissest mir den eisgewürzten Becher

Und rolltest mich hohnlachend durch die Klüfte Hinunter in des Fieberlagers Grüfte. Verräther, schmählich hast du mich betrogen! Hast du mich leise rufend nicht gezogen?

Warst du mir lange Jahre nicht gewogen? Und wann in deinem Reich ich mich verirrte, Schritt nicht, wie Zufall, mir voran ein Hirte Und ließ in seine sichern Stapfen treten

Bergab mich — ungerufen, ungebeten? Du bist mir gram geworden? Laß dich fragen! Muß ich der führerlosen Fahrt entsagen? Des hohen Irreganges mich entwöhnen?“

Mir gab Bescheid der Geist mit tiefen Tönen Im Flutensturz und in der Laue Dröhnen, Es klang wie Droh'n und wieder klang's wie Höhnen: „ein junger Wand'rer kam zu mir gefahren

Mit hast'gen Schritten und mit weh'nden Haaren. Ein bleiches Bild, so ist er ohne Bangen Auf meinen schmalen Gräten umgegangen, Und über Klüften, schwindelnd abgrundtiefen,

Aus welchen jubelnd ihn die Wogen riefen, Ist er gewandelt auf gestürzten Föhren Und schien in meine Wildniß zu gehören, Ein dumpfer Ton in meinen dumpfen Chören —

Unkundig der Gefahr, in wachem Traume, Doch mir gefiel der Kühne und der Blinde, Und Sorge trug ich dir als einem Kinde — Jetzt, lieber Herr, bist leidlich du vernünftig,

Hast Weib und Hof, bist in der Gilde zünftig, Verlaß dich nicht auf meine Flügel künftig!“

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