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1861

IXEpistolae obscurorum virorum

Conrad Ferdinand Meyer

Wir scharten uns zu lust'gem Mummenschanz, Kapuzen über vollem Lockenkranz! Wir trugen Pfaffenlarven heuchlerisch Und blitzten draus mit Augen jugendfrisch.

Wir schlurften tappig mit Sandalentritt, Wir äfften nach bis auf der Kutte Schnitt. Gründlich studierten wir beim Becherklang Der Mönchlein närrischen Gedankengang.

Die Dummheit haben wir mit Witz verziert, Die Torheit mit Sentenzen ausstaffiert! Wir haben sie zum Spott der Welt gemacht, Wir haben uns und sie zu Tod gelacht!

Zu Tode? Nein. Wir haben sie geweiht Aristophanischer Unsterblichkeit. Schleiferius! Caprimulgius! Ochsenhorn! Schlaraff! Der saubre Täufling Pfefferkorn!

Wir brachen keck in ihre Zellen ein Und hausten schlimm in ihrem Bücherschrein. Wir sprachen ihr Latein – ergötzlich Spiel – Und Briefe schrieben wir im Klosterstil:

„Laetificor archiangelice Cum una speciosa virgine!“ Hellauf! Der Narrenglöcklein schriller Schall! Und heißa, hussa, Jagd und Peitschenknall!

Die Pfaffen sprangen über Stock und Stein, Der Esel bockte, grunzend lief das Schwein. Du Fest der jugendlichen Grausamkeit, Verklungen bist du längst! Streng ward die Zeit.

Als wir im losen Mummenschanz getobt, Da hat man unsres Witzes Salz gelobt; Doch als die Wahrheit wir im Ernst gesagt, Da wurden wir, die Jäger, selbst gejagt.

Wir irren heimatlos, geächtet, arm Und essen fremdes Brot in Not und Harm. Die Pfäfflein, denen unsre Hetze galt, Sie tafeln alle noch gesund und alt.

Die Mönchlein, die wir kniffen bis aufs Blut, Sie bechern alle wieder wohlgemut; Und schneidet eines apfelschälend sich Und quillt ein Tropfen Bluts bescheidentlich,

So stöhnt es: „Würd'ge Brüder, schauet hier! Das blut'ge Märtertum erleiden wir!“

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