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1861

Flut und Ebbe

Conrad Ferdinand Meyer

In einem fernen umbrandeten Land Spielen die Mädchen ein Spiel an dem Strand, Schreiten im Reigen, heiter gesinnt, Wann zu steigen die Flut beginnt,

Weichen zurück in gemeßner Flucht Aus der schwellenden Meeresbucht. In den Gewässern ruhigklar Werden sie krause Gestalten gewahr,

Rollt eine Woge, sie sehen ein Roß, Sehn einen Reiter, bis er zerfloß. „Schauet den Meermann! Garstig Gesicht! Grinzende Larve, du haschest mich nicht!“

Aber das Meer es wächst und naht – „Fliehet, ihr Schwestern! Sonst wird's zu spat!“ Alle sie stürzen in hastigem Lauf, Gleiten, und reißen die Strauchelnden auf

Bis zu der Bank, wo die Ebbe beginnt, Wo, wie sie wissen, das Wasser zerrinnt. Dort ist gelagert der flüchtige Chor, Zieht an dem Felsen die Füße empor,

Fleht in den Himmel mit brünstigem Schrein: „Götter! ihr lasset die Unschuld allein?“ Aber die Flut, da den Raub sie berührt, Hat das Verhängnis des Ebbens gespürt,

Und, wie erschreckt durch das maidliche Ach, Gleitet sie nieder und fällt gemach! – Gegen die Ziehnde mit drohendem Arm Hebt sich verfolgend der blühende Schwarm:

„Höhnet die Feigen! Sie fliehn aus dem Krieg! Kränzet die Locken und feiert den Sieg!“ Also vergnügt sich das sterbliche Heer Mit dem gelaßnen, dem ewigen Meer.

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