Skip to content
1861

Der verwundete Baum

Conrad Ferdinand Meyer

Sie haben mit dem Beile dich zerschnitten, Die Frevler – hast du viel dabei gelitten? Ich selber habe sorglich dich verbunden Und traue: Junger Baum, du wirst gesunden!

Auch ich erlitt zu schier derselben Stunde Von schärferm Messer eine tiefre Wunde. Zu untersuchen komm ich deine täglich Und meine fühl ich brennen unerträglich.

Du saugest gierig ein die Kraft der Erde, Mir ist, als ob auch ich durchrieselt werde! Der frische Saft quillt aus zerschnittner Rinde Heilsam. Mir ist, als ob auch ich's empfinde!

Indem ich deine sich erfrischen fühle, Ist mir, als ob sich meine Wunde kühle! Natur beginnt zu wirken und zu weben, Ich traue: Beiden geht es nicht ans Leben!

Wie viele, so verwundet, welkten, starben! Wir beide prahlen noch mit unsern Narben!

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Der verwundete Baum · Conrad Ferdinand Meyer · Poetry Cove