Skip to content
1825–1898

Auf dem Canal grande.

Conrad Ferdinand Meyer

Eine glückgefüllte Gondel gleitet auf dem Canal grande, An Giorgione lehnt die Blonde mit dem rothen Sammtgewande. „giorgio, deiner Laute Saiten hör' ich leise, leise klingen“ — „julia Vendramin, Erlauchte, was befiehlst du mir zu singen?“

„nichts von schönen Augen, Giorgio! Solches Thema sollst du Singe, wie dem Meer entstiegen diese wunderbaren Gassen! Fessle kränzend keine Locken, die sich ringeln los und ledig! Giorgio, singe mir von meinem unvergleichlichen Venedig!“

„meine süße Muse will es! Es geschieht!“ Er präludierte. „weiland, eh' des heil'gen Marcus Flagge dieses Meer regierte, Drüben dort, wo duftverschleiert Istriens schöne Berge blauen, Sank vor ungezählten Jahren eine Dämm'rung voller Grauen.

Durch das Dunkel huschen Larven, angstgeschreckte Hunde winseln, Schreie gellen, Stimmen warnen: „Löst die Böte! Nach den In den Lüften haucht ein Odem, wie es in den Gräbern Schaurig tagen Meer und Himmel! Aquileja brennt und lodert!

Von der Stätte, wo die stillen, ungezähmten Flammen wogen, Kommt ein dumpfes Menschenbrausen nach dem freien Strand Attila, die Gottesgeißel, jagt auf blutbesprengten Pfaden Krieger mit zerbrochnen Schwertern, Fraun mit Schätzen schwer

Wie zum Hades Schatten wandern, ziehn zum Meere die Das die purpurroth gefärbten Wolken weit hinaus beleuchten, Wittwen, Waisen schreiten jammernd, schweigend stürzen wunde Mitten im Gewühle bäumen Wagen sich und scheue Renner.

Kniee wanken, Füße gleiten, Kästchen brechen, draus die hellen Goldnen Reife rollend springen und die weißen Perlen quellen. Nackte Küstenkinder starren gierig auf das rings zerstreute Gold, und doch betastet's keines, — Etzel's ist die ganze Beute!

Schiffer rüsten dunkle Nachen, drüber Wogen schäumend schlagen, Durch die weiße Brandung werden bleiche Fraun an Bord Mit der Rechten an die phryg'sche Mütze langt der Meerplebejer, Beut zum Sprung ins Boot die Linke dem behelmten Aquilejer.

Schon entflieht ein Schiff mit weh'nden Segeln, flatternden Drin sich weitgetrennte Loose sonder Wahl zusammenfanden, Unbekannte Hände drücken sich in angstbeklommnem Traume, Aquileja's Ueberbleibsel schmiegen sich in engem Raume.

Letzte Scheideblicke wendend, sehn sie noch den Himmel bluten, Aber tiefer stets und ferner brennen die gesunknen Gluten. Still verglimmt der Heimat müde Todesfackel. Auf die Ruder Beugt sich Unglück neben Unglück, Bruder seufzend neben Bruder.

Eine Fürstin küsst ein Knäblein, ein dem Edelblute fremdes, Eine Sclavin wärmt ein fürstlich Kind im Schooß des Wollen- Unter ihnen Eine Tiefe, über ihnen Eine Wolke — Liebe thaut vom Himmel, Liebe wächst in diesem neuen Volke.

Ueber eines Mantels Flattern, sturmverwehten greisen Haaren Will das Schweben einer Glorie einen Heil'gen offenbaren, Dieses ist der heil'ge Marcus, rüstig rudernd wie ein Andrer — Nach den nahenden Lagunen lenkt die Fahrt der sel'ge Wandrer.

Neben ihm der Jugendschlanke schlägt die Wellen, daß sie schallen, Wirren Locken sind die Kränze schwelgerischer Lust entfallen. Der Bacchant wird zum Aeneas. Niederbrannte Troja's Feuer. Mit den rudernden Genossen sucht er edles Abenteuer.

Mälig lichtet sich der Osten. In der ersten Helle schauen Kecke Männer tief ins Antlitz morgenstiller schöner Frauen — Lieblich Haupt, das blonde Flechten wie mit lichtem Ring Bald an einem tapfern Herzen wirst du deine Heimat finden!

Scharfgezeichnet neigt sich eines Helden narb'ge Stirne denkend, In das göttliche Geheimniß ew'gen Werdens sich versenkend; Rings in Stücke sprang zerschmettert Roma's rost'ge Riesenkette, Neue Weltgeschicke gönnen junger Freiheit eine Stätte ....

Wie geworfen aus dem Himmel heiter spielend von Auroren, Schwimmt ein lichter Kranz von Inseln in die blaue Flut ver- Jubelnd grüßen den beschwingten, den beseelten Ruderschlägen Fischer bis zum Gurt umbrandet, netzezieh'nde, schon entgegen.

„fleh'nde kommen wir, Veneter! Drüben flammt ein weit Unsre Seelen sind entronnen einem ungeheuern Sterben!“ „freuet euch! Ihr lebt und athmet! Hier ist euch Asyl gegeben! Friede sei mit euren Todten! Freude denen, die da leben! ...“

Schwert und Ruder tragend wallen ernste Genien vor den Böten; Auch ein Schwarm von Liebesgöttern flügelt durch die jungen Ueber das Gestein der Inseln geht ein Hauch von Lust und Ahnungsvollem Meer entsteigend, prangt Venedigs erste Sonne.

Blonde Julia, Deiner Heimath Ursprung hab' ich dir verkündet, Liebe hat die Stadt Venedig, Liebe hat die Welt gegründet — Deiner Augen strahlend blauer Himmel würde bleichen ohne Liebesfeuer und verstummen, wie die Laute des Giorgione.“

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Auf dem Canal grande. · Conrad Ferdinand Meyer · Poetry Cove