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1871

Verzeihen

Karl May

Vergieb, mein Herz, so wird auch dir vergeben: Nie trage nach; nie pflege deinen Zorn! Es strömt aus dir im Blute mir das Leben; Für Andre sei ein steter Freudenborn.

Gott machte dich so reich, so reich an Habe, Doch meine nicht, sie sei für dich allein. Indem du giebst, empfängst du selbst die Gabe: Die allerschönste aber ist – – – verzeihn.

Vergieb, mein Herz, so wird auch dir vergeben; Denk nicht, du stehest nicht in Andrer Schuld! Wie lange willst du in derselben schweben? Wie oft verlangst du, und wie viel, Geduld?

Des Nächsten Conto hältst du aufgeschlagen Und stöberst seinem Soll und Haben nach; Geh einmal hin, um bei ihm anzufragen, Wie's mit dem deinigen wohl stehen mag!

Vergieb, mein Herz, so wird auch dir vergeben; Schau doch empor, und sag, du zittrest nicht! Du magst es noch so sehr zu leugnen streben, Da oben wartet deiner das Gericht.

Dann wirst du nicht nach deinem Maß gemessen, Nach welchem du dir so gerecht erscheinst; Drum wolle ja die Mahnung nie vergessen: „Vergieb mein Herz!“ Das rettet dich dereinst!

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