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1890

Vorfrühling an der Ostsee

Hermann Löns

Hellgrüne Felder, Braungrüne Wälder, Jubelnder, jauchzender Singdrosselsang, Erlsträucher blühen,

Strandläufer ziehen Lockend und trillernd die Dünung entlang. Mit wunderbaren Brandroten Haaren

Prangend ein Köpfchen im Arme mir lehnt, Schneeweiße Stirne, Blutjunge Dirne, Sehnsüchtig schwer sich der Busen ihr dehnt.

Fern schimmert Rügen. In mächtigen Flügen Klingeln die Wildenten über uns her, Schneeweiße Mövchen

Und Wolkenschäfchen, Hellblauer Himmel und tiefblaues Meer. Fröstelt dich, Kleine? Am Rande vom Haine

Weiß ich ein Wirtshaus, von Pappeln umdrängt, Mit schelmischem Blicke Die kornblonde, dicke Fangschiffers Witwe dort Glühwein verschänkt.

Schatz, einen Halben! Nicht wie die Schwalben, Tüchtig geschluckt, daß die Backe dir glüht! Auf deinen Wangen

Soll Abendrot prangen. Reichliche Kußernte draus mir erblüht! Pferdegetrappel. Unter der Pappel

Hält schon Johann mit dem Rappengespann. Schatz, in den Wagen! Hannes, nun jagen! Aber beim Mühlgarten, da halte an.

In Pelzverstecke, Kopftuch und Decke Wickle das fuchsrote Püppchen ich ein. Vogelbeerbäume

Fliegen wie Träume, Klippklapp der Hufe auf spitzem Gestein. Vor uns ein Schimmern, Funkeln und Flimmern,

Rädergerassel und ferne Musik, Leuchtende Fenster, Rudtanzgespenster, Brummbaßgerummel und Fiedelgequiek.

Halt! Schatz, nun schnelle, Horch, die Kapelle Spielt unsern Leibtanz, die Kreuzpolka, schon, Wehende Röcke,

Dröhnende Decke, Trappelnder Tritte takthaltender Ton. Wirbelndes Fliegen, Leiberumschmiegen,

Noch einmal rund und die Polka ist aus. Schnell in den Wagen! Hanns, wieder jagen! Herzliebes Schatzing, gleich sind wir zu Haus.

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