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1890

Der Schwan

Hermann Löns

Des Mondes Strahlen flimmern Magisch über den Teich, Die Nixenblumen schimmern Romantisch geisterbleich;

Es klingt der Nachtigall Weise Voll tiefer Liebesglut, Der weiße Schwan zieht leise Über die schwarze Flut.

So wie der Mond durchziehet Er langsam den dunklen Teich, Das weiße Gefieder blühet Wie Weiberbrüste weich;

Des Halses gefällige Krümmung Vollendet den Zauberbann, Nur eins trübt mir die Stimmung, Daß er nicht fliegen kann.

Ich sah am Ostseestrande Die wilden Schwäne ziehn, Sah nach dem Tropenlande Die Weithinklaft'rer fliehn,

Ich sah ihre Schwingen sich dehnen Im Abendsonnenlicht – Dir schnitt man Band und Sehnen, Flugfreiheit kennst du nicht.

Und wenn dich treibt nach andern Gewässern wilder Drang, Das wird ein trauriges Wandern, Ein trauriger Humpelgang;

Das stolze Bild entweichet Armselig auf dem Land, Manch Dichter dir darin gleichet, Von Vorurteil gebannt.

Wen einmal gefesselt haben Rücksicht und Strebertum, Die Sucht nach Ehrengaben, Nach hohlem Tagesruhm,

Niemehr wird der gesunden – Nur wer die Fessel flieht, Flugfrei und ungebunden – Der singt ein großes Lied.

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Der Schwan · Hermann Löns · Poetry Cove