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1862

Lied im Süden

Hermann von Lingg

Sonnenuntergang! Lautlos ruhen Säulengang Und verlassne Marmorbäder, Wo den stillen Weg entlang

Noch antiker Wagenräder Furchen trägt der Lavastein. Rot im Abendschein Wirft der Ölwald längre Schatten

Längs der braunen Felsenplatten Um den Bergabhang – Sonnenuntergang. Abenddämmerung!

Blumen atmen wieder jung, Und in uns erblühn die weißen Rosen der Erinnerung. Könnt' ich sie verwelken heißen?

Schnell im Süden kommt die Nacht, Flüchtig ist die Macht Deines schwärmerischen Glückes, Wie die Flammen eines Blickes

Voll Begeisterung, Abenddämmerung. Sommermitternacht! Nur noch die Cicade wacht;

Ringsum ruhn die dunkeln Täler. Unter alter Tempelpracht, Wo gestürzte Kapitäler Meine Kissen, wo mein Haupt

Lorbeer selbst umlaubt, Sollt' ich's nicht gestehn im Liede, Wie dein tiefer, stiller Friede Ganz mich glücklich macht,

Sommermitternacht?

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