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1862

Die Schiffersfrau

Hermann von Lingg

Wir sahn dem Schiff am Ufer nach, Bis Wind die Segel fingen, Bis über die See das Dunkel brach Und die Augen übergingen,

Dann kehrten wir heim, allein und zerstreut, Wir Frauen und Töchter der Schifferleut'. Seitdem ist's nun im zweiten Jahr, Daß dich die Wogen treiben.

Du irrst durch ferne Todesgefahr, Und ich muß Witwe bleiben. Ich schaukle zu Haus in der Wiege dein Kind, Und dich, dich schaukelt der wilde Wind.

Oft fallen mir alle die Namen bei Von Männern, die untergegangen, Von denen wir oft am Abend zu zwei Die traurigen Lieder sangen.

Vergessene Menschen in fremder Tracht Besuchen mich oft im Traume der Nacht. Sie schütteln ihr lang durchnäßtes Haar Und grüßen wie fremde Boten,

Sie reichen einen Ring mir dar Und Grüße von dem Toten, Von dir, von dir – ich erwach' und wein' Und schlafe die Nacht nicht wieder ein.

Es lechzt vielleicht dein heißer Mund, Und ich kann dich nicht laben; Du liegst vielleicht im Meeresgrund Sarglos und unbegraben.

Ach, daß ich selbst den Trost verlier', Im Frieden einst zu ruhn bei dir!

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