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1862

Chor der Achselträger

Hermann von Lingg

Was wir schmähten, laßt uns loben, Was wir lobten, sei geschmäht, Weil vielleicht der Wind von oben Anders heut als gestern weht.

Leise, Freunde, leise treten Ziemt dem Achselträgerchor. Ist es Zeit, um anzubeten? Lauschet mit gespanntem Ohr!

Ist es Zeit zum Lispeln, Säuseln, Oder rauh die Stirn zu kräuseln? Ach, es geht gewiß was vor! Wer es wüßte, ob ein Tränchen,

Ob ein Lächeln Vorschrift ist? Alt und rostig ist das Fähnchen, Welches sich zu drehn vergißt! Vor dem Unsinn, vor der Fadheit

Legen wir uns auf den Bauch, Denn verhaßt ist uns Geradheit, Wahrheit ist nur Dunst und Rauch. Wahrheit ist allein die Gunst;

Sie zu haschen, sie zu fassen, Ewig nicht mehr auszulassen, Ist der Menschen höchste Kunst. Ach, wie schwierig ist's, zu treffen,

Ob die Segel einzureffen Oder auszuspannen sind! Soll man tadeln, soll man rühmen? Soll man Schmeichelei verblümen,

Soll man taub sein oder blind? Gut ist's immer, sich verneigen, Doch gefährlich ist selbst schweigen, Wenn man Abscheu zeigen soll,

Flüsternd deutlich anzuspielen, Links und rechts zugleich zu schielen Hier ein Dur sein, dort ein Moll ... O wie bangt uns vor den Wahlen,

Wenn die Frage wird entstehn: Soll man mit den Liberalen Oder mit den Klerikalen, Oder gar mit beiden gehn?

Ach, wem beides wär' erreichbar, Einem Gott wär' der vergleichbar! Wie beneiden wir dich schon, Krokodil, um deine Träne,

Um dein Winseln dich, Hyäne, Und erst dich, Chamäleon!

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