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1862

Brandung

Hermann von Lingg

Festball haben heut die Wogen Um die schwarzen Klippen her, Schäumend und in weiten Bogen, Kreuz und quer

Und in Schleppgewanden schwer Kommen sie zum Strand gezogen. Uralt tolle Wasserschwänke Sprühn sie zischend sich ins Ohr,

Spritzen um die Felsenbänke Hoch empor, Dunkle drängen dunklere vor, Wild wie Rosse zu der Tränke.

Aus den Wirbeln ragt im Schwalle Hier ein steingewordnes Schiff, Dort ein Untier – Rumpf und Kralle Ward zum Riff.

Horch, da tönt ein geller Pfiff, Nacht umfängt die Felsenhalle. Nacht – und immer schaumbestäubter Wogt's heran, und Schaum bedeckt

All der Ungetüme Häupter; Auferweckt Scheinen sie, wie wenn sich reckt Ein von langem Schlaf Betäubter.

Ha, jetzt gibt es Schlägereien! Um das Wrack im Meeresschoß Streiten sie zu zwei und dreien; Klein und groß

Hauen aufeinander los Mit Gezähn und Grat von Haien. Kiefern reißen, Flossen, Schuppen Sich die Ungeheuer aus;

An der Steine schwarzen Kuppen, Im Gebraus, An den Faden eines Taus Ringen sie in ganzen Gruppen.

Mit versunknen Enterhaken Kommen sie herauf vom Grund; Wie sie sich am Schopfe packen Und am Schlund

Sich verbeißen und schon wund Noch die Schädel sich zerknacken! Wem bleibt wohl die Siegeskrone? Sieh! die Andern alle taucht

Ein gewaltiger Tritone! Wie er pfaucht, Da sein letzter Feind verhaucht, Ein elender Epigone!

Um den stolzen Sieger schwellen, Kosend seinen weißen Bart, Leichtgeschürzte Mondlichtwellen, Hold und zart,

Die zu seiner Siegesfahrt Ringsumher die Nacht erhellen.

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