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1862

6.

Hermann von Lingg

Sinkend schwebt der Mond in Schleiern Trüber Wolken durch die Luft, Rosen und Jasminblüt' feiern Seinen Glanz mit süßem Duft.

Unbegrenzte Wünsche dehnen Meine Brust und regen, ach! Glühender ein heißes Sehnen Unbestimmter Wünsche wach.

Körperlos, ein Geisterleben, Frei jetzt möcht' ich und allein Über Berg' und Meere schweben, Cherub oder Dämon sein.

Mit dem Sturz des Wasserfalles Jauchzt' ich Nacht und Abgrund zu: „Eine lieb' ich über alles, Und die Eine, die bist du!“

Wärst du da, Geliebte, kühltest Meine heiße Stirne sacht Mit der zarten Hand und fühltest Mit mir diese schöne Nacht!

O des Mondes Licht erschiene Nicht so trüb dort im Verglühn, Denn die Rosen und Jasmine Würden für uns beide blühn.

Winke dir im Sternenscheine Meine Seele Frieden zu; Über alles lieb' ich Eine, Und die Eine, die bist du!

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