Gleichviel weßhalb, ich bin's, ich bin verbannt Auf eine kleine, deichumrahmte Insel. Weit liegt mein walddurchrauschtes Vaterland. Hier schleicht und kriecht das Wattenmeergerinsel
Durch Schlick und Schlamm, ein schmutzig gelbes Band. Poltert der Sturm nicht, nörgelt Windgewinsel. Der Reiher, dem das Nest zerschossen wird, Er baut sich an im ersten besten Walde.
Der Flüchtling, der von Land zu Ländern irrt, Erreicht vielleicht noch eine grüne Halde, Wo süß und sanft die Friedenstaube girrt, Und er die reichste Ruhe findet balde.
Zwar hab’ ich sonst, was nur das Herz begehrt, Cigarren, Bücher, Schreibpapier und Tinte. Auch ist die Seehundjagd mir nicht verwehrt Und was an Vögeln fliegt in meine Flinte.
Jedwede Woche kommt ein Schiff, beschwert Mit Briefen, Packen, Zucker, Öl, Korinthe. Wie muß, heimdenkend, oft am Deich ich lehnen, Mir jedes ferne dunkle Pünktchen buchend.
Gleich Iphigenie, mit endlosem Sehnen, Das Land der Griechen mit der Seele suchend. Kein Schiff in Sicht, nur rege weiße Mähnen, Und ich entferne mich, den Tag verfluchend.
Im Osten, weit, noch hinterm Horizonte, Wenn dies Paradoxon vielleicht erlaubt ist, Zeigt sich ein Rauch gleich einer Nebelfronte, (verzeihung für das Wort, das sehr geschraubt ist.)
Doch näher, wie bestimmt ich sehen konnte, Erscheint ein schwarzer Schornstein, der behaubt ist. Was bringt die Post, was kann sie Alles bringen, Trübsal und Trost, Freud’, Bettelbrief und Trauer.
Heut eine Nachricht, daß wir überspringen Im Jubelrausch die allerhöchste Mauer. Kann sein, daß morgen wir die Hände ringen, Mißlaunig sitzen wie der Kauz im Bauer.
Es brachte mir die Post heut Allerlei: Die Rundschau, Magazin und Nord und Süd, Kaluga’s Fahrt vom Ob zum Jenisei; Daß mir zwei Füllen fielen im Gestüt.
Ein Freundesbrief klang frisch und kummerfrei, Ein andrer trostlos, trüb und wegesmüd. Ganz unten lag ein rosenrot Couvert, Mit Monogramm
Ich wußte, daß genannt er Adalbert, Sie konnte mit dem Namen Laura blinken. Essence d’Ixora war dem Brief Gefährt’, Ihr Händchen wollte mir entgegenwinken.
Der Abend wurde mir verhängnißvoll, Zu reizend war die kleine Baronesse. Ich liebte bald wie rasend sie und toll, Auch zeigte sie mir mehr als Politesse.
Doch wurde aus dem Duraccord ein Moll, Aus dunkeln Rosen bog sich die Cypresse. Ich glaubte glücklich sie mit ihrem Mann, An den sie nun zehn Jahr gekettet war.
Aus ihren Zeilen, ach, erfuhr ich dann, Wie schlecht das arme Weib gebettet war. Daß ein Verschwender er und Haustyrann, Aus dem Concurse nichts gerettet war.
Im Leben mag’s zum Schwersten wohl gehören, Aus Glanz und Reichtum plötzlich arm zu werden. Wie muß es unser Innerstes empören, Wenn Hinz und Kunz wir sehn auf unsern Pferden,
Wenn Hinz und Kunz uns unser Heim zerstören, Den Rest uns nehmen, was uns lieb auf Erden. Genug, genug. Wir alle danken Gott, Wenn wir zur schnellen Hülfe Mittel haben.
Nahm wer, wir helfen auf und machen flott, Im Lebenssteeplechase zu kurz den Graben, Und lassen dann ihn ohne Hohn und Spott, Und ohne viel zu fragen, weiter traben.
Thay Thasen’s hübsches achtzehnjährig Kind Muß mir den Thee bereiten, Kaffee kochen, Flickt meine Wäsche, stärkt mich mit Absinth, Will mich ein Hungermangel unterjochen.
Sie stäubt den Schreibtisch ab, mein Kleiderspind, Und dient mir so seit vier und zwanzig Wochen. Thay Thaysen ist mein Hausvogt, Moiken’s Vater. Er lehrte früh sie jede Fischerregel.
Beim Krabbenfangen ist er Schlickdurchwater, Wie er hantiert auch sie mit Seil und Segel. Was immer für sie thun er konnte, „that er,“ Doch las er nicht mit ihr Horaz und Hegel.
Ich liebe sehr die kühne Reigerbeize, Zur Seiten einer wunderholden Frau. Dornhecken über ohne viel Gespreize, Hep! über Gräben, Hürd’, Verhack, Verhau.
Das Alles hat ja ganz besondre Reize: Die schöne Frau, die Falken, Himmesblau. Komm’ ich vom Entenschießen müd’ zurück, Eilt Moiken auf der Werfte mir entgegen,
Nimmt mir das Jagdgerät ab, Stück für Stück, Um dann die Jägersuppe vorzulegen. Aus allen Ecken lacht mich an das Glück, Ich muß das Mädchen still am Herzen hegen.
Wir plaudern Abends häufig am Kamin, Moiken erzählt mir Inselmärchen, Sagen, Ich ihr von Wien, Turin, Dublin, Berlin, Sie wieder mir von Flut und Sturmestagen.
Erschreckt stützt sie die Händchen auf die Knie’, Meld’ ich von Schlacht und wildem Rossesjagen. Wie reizend ist’s, bestaunt sie meine Sachen, Denn Alles ist ihr neu noch und ein Wunder.
Sie sah bisher nur Netz und Fischernachen, Den Seehund, Flut und Ebbe, Dorsch und Flunder. Wie freut sie sich, wie lieblich ist ihr Lachen, Schenk’ ich ein Stückchen ihr von all dem Plunder.
Mein Platen ist zum Beispiel gut gebunden, Den hat sie sich zum Lesen auserkoren. Neulich hab’ ich im Grafen sie gefunden, Mit ihren Fingern schloß sie sich die Ohren.
Doch schien ihr die Lektüre nicht zu munden, Wahrscheinlich ging der Faden ihr verloren. Wie schätz’ ich Platen, seine Prachtsonette, Wie dank’ ich Geibel, daß sein schönstes Lied
Ihn feiert: wundervoll sind die Terzette, Durch die sein roter Zornesfaden zieht. Platens Balladen sind zwar sehr honette, Doch ohne Funkelfeuer, Kolorit.
Die Worte: Busen, duften, kosen, wallen, Sind alte deutsche Worte, schön, verstehlich. Der Dichter bringt sie gern in ganzen Ballen, Aus unsrer Sprache sind sie unverwehlich.
Wie kommt es, daß sie nimmer mir gefallen, Ich finde scheuslich sie, ganz unausstehlich. Wall„e“t das Haar auch, duftend, auf die Socken, Nicht kos„e“t mehr ihr Busen an dem meinen.
Im Gegenteil, ihr Busen wallt erschrocken, Und ach, die süßesten der Augen weinen. Ihr Herzchen wallt, doch nicht wie Abendglocken, Es wallt wie Sturm das Herzchen meiner Kleinen.
Mein gutes Mädchen, sei mir nicht mehr böse, Daß ich dich, wie du meinst, geärgert habe. Näh’ freundlich wieder Knöpfe mir und Öse, Durchkrame wieder meine ganze Habe.
Du weißt, ich bin zuweilen sehr nervöse, Sei wieder gut, sonst schelt’ ich noch im Grabe Ich hatte Komödianten kommen lassen, Um mir die Zeit ein wenig zu verkürzen
Und meinen treuen biedern Wassersassen Einmal den rauhen Seemannstag zu würzen. War das ein Jux und Jubel, kaum zu fassen, Ich sah sie lachend sich entgegenstürzen
Der Herr Direktor war ein alter Mann Mit weißem Haar und dicker roter Nase. Die größten Mimen that er in den Bann, Was waren Devrient und Friedrich Haase.
Als Gast war er sogar in Ispahan, Sprach er von dort, geriet er in Extase. Die Frau Direktor, eine kleine Dame Von sechzig Lenzen und vielleicht darüber,
War einst gefeiert, ein berühmter Name, Bis mählig trüber ward ihr Stern und trüber, Bis ihr das Leben gab, das mühesame, Das Leben, ach, zu viele Nasenstüber.
Liebhaber Nummer Eins, er hieß Maresche, War Heldenvater auch und Intriguant. Liebhaber Nummer Zwei, er hieß Manesche, War noch ein junger siebzehnjähriger Fant.
Nicht immer trugen sie die reinste Wäsche, Doch waren sonst sie fein und elegant, Natürlich fehlte auch nicht die Soubrette, Sie war ein junges allerliebstes Ding.
Tagüber lag sie freilich gern im Bette, Wenn ihr das Leben nicht nach Laune ging. Zuweilen sangen wir bei mir Duette, Es war für Schumann ihr Talent gering.
Nun sitzen beide wieder wir alleine, Sei, Moiken, artig, so, gieb mir die Hand. Auf dieser Insel bin ich ganz der deine, Wo uns so manche schöne Stunde schwand.
Und bin auch einst ich ferne, liebe Kleine, Ich denke oft zurück an unsern Strand. Hier fand ich Ruhe, die nicht ich gefunden Im Treiben der Gesellschaft, in den Schenken.
Hier fand ich Ruhe, um in vielen Stunden In unsre Dichter ganz mich zu versenken, Von alten Wunden endlich zu gesunden, Vergangnes Leben ernst zu überdenken.
Bin ich entfesselt der Verbannungsbande, Leuchtet zurück vom Heimatufer mir Die Fackel, hoch auf rotem Felsenrande, Ich will ins Meer mich stürzen voller Gier
Und schwimmen, bis ich bin im Vaterlande, Wo mich umrauscht das alte Reichspanier. Schelt’ ich den Diener, daß ich nicht am Bette Den Siphon fand, trank ich zu viel Likör;
Zerstreu’ ich mich heut Abend am Roulette Und Morgen auf dem Ball beim Gouverneur; Hält wieder mich im Zaum die Etiquette, Die große Stadt und all ihr Zubehör;
An jene Tage, als mit meiner Bracke Jagend ich einsam durch die Watten schlich, Von eines alten Räuberturmes Zacke Ringsum ersah den letzten grauen Strich
Endlosen Wassers, aus dem schwarze Wracke Bei tiefer Ebb’ aufragen trotziglich.
Cookies on Poetry Cove