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1755

82. Das Mädchen

Gotthold Ephraim Lessing

Zum Mädchen wünscht' ich mir – und wollt' es, ha! recht lieben – Ein junges, nettes, tolles Ding, Leicht zu erfreun, schwer zu betrüben, Am Wuchse schlank, im Gange flink,

Von Aug' ein Falk, Von Mien' ein Schalk; Das fleißig, fleißig liest: Weil alles, was es liest,

Sein einzig Buch – der Spiegel ist; Das immer gaukelt, immer spricht, Und spricht und spricht von tausend Sachen, Versteht es gleich das Zehnte nicht

Von allen diesen tausend Sachen: Genug, es spricht mit Lachen, Und kann sehr reizend lachen. Solch Mädchen wünscht' ich mir! – Du, Freund, magst deine Zeit

Nur immerhin bei schöner Sittsamkeit, Nicht ohne seraphin'sche Tränen, Bei Tugend und Verstand vergähnen. Solch einen Engel

Ohn' alle Mängel Zum Mädchen haben: Das hieß' ein Mädchen haben? – Heißt eingesegnet sein, und Weib und Hausstand haben.

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