Noch frühe war's. Durch die geschlossnen Läden Stahl über den Balcon der erste Schein Des Morgenroths sich in mein dunkles Zimmer. Da, um die Zeit, wo leichter schon und süßer
Der Schlummer uns die Wimpern überschattet, Stand plötzlich neben mir und sah mich an Das Bildniß Jener, die zuerst mich Liebe Gelehrt und dann in Thränen mich verlassen.
Nicht todt, nur traurig schien sie mir, das Antlitz Verwandelt wie von schwerem Leid. Die Rechte Bewegte sie nach meinem Haupt und sprach Mit Seufzen: Lebst du und gedenkst noch irgend
An mich? – Woher, entgegnet' ich, und wie Kommst du, geliebte Schönheit? Ach, wie trug ich, Wie trag' ich Leid um dich, und glaubte nicht, Du könnest darum wissen, und mein Schmerz
Ward ärmer nur an Trost durch diesen Wahn. Doch willst du nun mich abermals verlassen? Ich fürcht' es sehr. O sage, wie erging dir's? Bist du noch, die du warst? Und was bekümmert
Die Seele dir? – Vergessenheit umnachtet Deine Gedanken, und der Schlaf umhüllt sie, Sprach Jene. Ich bin todt. Du schautest mich Zum letzten Mal vor Monden. – Bei den Worten
Drang ein unendlich Weh durch meine Brust. Und sie fuhr fort: Im Flor der Jahre starb ich, Wo Leben uns am süßesten, und eh' noch Das Herz begriffen, wie so völlig eitel
Der Menschen Hoffnung. Den herbeizuwünschen, Der ihn erlös't von allem Leid, wie liegt's Dem kranken Menschen nah! Doch trostlos naht Der Tod der Jugend, und ein hartes Schicksal
Ereilt die Hoffnung, die im Grab erlischt. Nicht frommt's zu wissen, was Natur verbirgt Den Neulingen im Leben; und um Vieles Ist unerfahrner Weisheit vorzuziehn
Der blinde Schmerz. – O Unglücksel'ge, Theure, O schweige, rief ich, schweige! Deine Worte Zerreißen mir das Herz. So bist du wirklich Todt, o Geliebte, und ich leb', und so
War es verhängt, daß dieser theure Leib, Der zärtliche, im bangen Todesschweiß Vergehen sollt' und ich behielte diese Elende Hülle? Ach, so oft ich auch
Bedenke, daß du nicht mehr lebst und ich Nie in der Welt dich werde wiederfinden, Nie kann ich's glauben! Wehe mir! was ist Das Wesen, das man Tod nennt? Heut einmal
Könnt' ich's erfahren und mein wehrlos Haupt Dem grimmen Hasse des Geschicks entziehn. Jung bin ich noch, doch schwindet und verzehrt sich Mein junges Leben wie ein Greisenthum,
Vor dem mir graut, obwohl mirs noch so fern. Doch kaum vom Greisenalter unterscheidet Sich meine Blütezeit. – Zum Weinen wurden Wir Zwei geboren, sprach sie. Unserm Leben
Hat nie das Glück gelacht; der Himmel freute Sich unsrer Qual. – Wenn denn das Aug' von Thränen, Sprach ich, von Blässe das Gesicht verschleiert Um deines Scheidens willen und das Herz
Mir schwer von Angst ist, sage mir: hat je Von Lieb' ein Funken oder Mitleid gegen Den armen Liebenden dein Herz bewegt, So lang du lebtest? In Verzweiflung damals,
Dann wieder hoffend lebt' ich Tag' und Nächte; Am leeren Zweifel müdet heut die Seele Sich ab. Drum wenn auch nur ein einzig Mal Du Leid gefühlt um mein verdüstert Leben,
Verbirg mir's nicht, ich flehe, und Erinnrung, Jetzt da die Zukunft unserm Leben fehlt, Sei mir ein Trost. Und sie: Getröste dich, Unglücklicher! Ich war an Mitleid nie
Dir karg, so lang ich lebte, noch auch jetzt; Denn elend war auch ich. Beklage nicht Dies unglückseligste von allen Mädchen. – Bei unsern Leiden, bei der heißen Liebe,
Die in mir lodert, rief ich, bei dem holden Namen der Jugend, unsrer Tage früh Verlorner Hoffnung, o vergönn es, Theure, Daß ich die Hand dir fassen darf! – Da reichte
Sie sanft und traurig sie mir hin. Und als ich Mit Küssen sie bedecke und, erbebend Von bittrem Weh und Wonne, an die Brust, Die wallende, sie drücke, Brust und Antlitz
In feuchte Glut getaucht und mir im Halse Die Stimme stockt, wankt schon der Tag vorm Auge. Und sie darauf, in meine Augen zärtlich Die ihren heftend: Freund, vergissest du,
Sprach sie, daß ich von jedem Reiz entblößt bin? Und doch umsonst, Unglücklicher, in Liebe Bebst und erglühst du! Aber nun lebwohl; Denn unsre armen Seelen, unsre Körper
Sind ewiglich getrennt. Nicht mehr für mich Lebst du und sollst du leben. Deinen Schwur Zerriß das Schicksal. – Da in meiner Angst Aufschreien wollt' ich, und vergehend fast,
Die Augen schwer von hoffnungslosen Thränen, Erwacht' ich aus dem Schlaf. Vor meinen Blicken Stand sie noch immer, und noch immer glaubt' ich Ihr Bild zu sehn im schwanken Strahl der Sonne.
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