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1840

Jacques

Nikolaus Lenau

Wer weilt auf stiller Walstatt noch allein Und lugt herum bei hellem Mondenschein Und bückt zu diesem sich, zu jenem nieder, Seltsam hantierend um die toten Glieder

Und zwischendurch sich wischend eine Zähre? Ein Schneider ists mit Ellenstab und Schere. Der arme Jacques! ein Wahnwitz ist sein Leiden, Nie toller war ein Schneiderhirn verdreht,

Er meint: der Antichrist kann nicht verscheiden, Bis er den Sterbekittel ihm genäht. Er sucht nach Stoff und schneidet dort und hier Vom Körper eines Ritters, eines Pfaffen

Ein Stück Gewands mit emsiger Begier, Um für den Riesenkittel Zeug zu schaffen. Beladen trollt er heim dann manche Stunde, Anspringen bellend ihn des Dorfes Hunde;

Doch wendt er sich, so weichen sie, geschreckt Vom Fetzenturm, der ihm das Haupt bedeckt. Im Stüblein sitzt nun Jacques beim Lampenlicht Und sichtet seine Lappen, fügt und sticht;

In bunter Eintracht binden sich zum Kleide Des Antichrist Tuch, Samt und Pelz und Seide, Was übers Meer an Pracht der Osten sandte, Und was im fernen Wald des Nordens rannte.

Stoff und Gewebe vielfach und verschieden, Wie Herz und Glaube derer, die sie trugen, Und die darum sich haßten und sich schlugen, Bis alle hüllt der gleiche Todesfrieden.

In Müh und Hast ist schon sein Leib geschwunden, Doch kleckt die Arbeit nimmer für den Kunden; Ein Teil nur ist vom Ärmel seiner Rechten, Was Meister Jacques genäht in hundert Nächten.

Er sieht manchmal die Riesenhand des Recken Weit übers ganze Land hinaus sich strecken Und auf dem weiten Feld der Hand umfahren Wie Mücken, ohne Zahl, bekreuzte Scharen.

Wie zittert Jacques, wenn Sturmwind heult und kreischt, Und wenn die sommerlichen Donner rollen; Dann hört er seinen Kunden seufzen, grollen, Der dringend seinen Sterbemantel heischt.

Wenn ihm ans Fensterlein die Schloßen klopfen, So ists der Todesschweiß in kalten Tropfen, Den ihm der Antichrist ans Fenster schleudert, Und Jacques fährt auf und schneidert fort und schneidert,

Daß glühend seine Nadel sich erhitzt Und Schweiß und Blut aus Stirn und Fingern spritzt. Umsonst! er kann den Riesenwuchs nicht kleiden, Der arme Antichrist kann nicht verscheiden;

Doch kanns ein Schneiderlein behend und frisch, Des Morgens lag er tot auf seinem Tisch. Zur rechten Stund nahm Jacques die stille Flucht, Denn Simon zieht durchs Dorf mit seinem Heere,

Er hört vom Jacques die wunderliche Märe Und tritt ins Haus und forscht umher und sucht. Der Ärmel, drauf der Meister lag, der bleiche, Wird ausgebreitet und genau durchspäht:

Da sind viel rote Kreuze drein genäht, „Jacques war ein Ketzer, auf! verbrennt die Leiche!“ Man wirft ihn auf die angesteckte Scheuer, Nachfliegen seine Lappen ihm ins Feuer;

Von dannen zieht das Heer, rückblickend sehen Sie schon das Dorf in hellen Flammen stehen.

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Jacques · Nikolaus Lenau · Poetry Cove