Der Frühling ist zu Berg und Thal gekommen, Sein Freudenruf ist durch die Luft erklungen; Kaum hat die Erd' im Schlafe ihn vernommen, Ist sie vom Wintertraum emporgesprungen,
Der ihren Busen deckte bang und kalt. In alle Fernen ist der Ruf gedrungen Mit freundlicher, süßlockender Gewalt, Daß ihres Nest's die Schwalbe nun gedenket,
Weit über's Meer zur trauten Hütte wallt, Daß seinen Flug der Storch nun heimwärts lenket, Verlassend schnell das Schilf im fernen Süden. Die Blume blüht, der bunte Falter senket
Auf sie die Flügel hin, die wonnemüden. Mit Blüthen haben sich geschmückt die Bäume, Daß sie zu Lieb' und Sang die Sänger lüden. Schon singt und bringt uns Paradiesesträume
Im Blüthenstrauche dort die Nachtigall; Melodisch zieht der Bach durch Waldesräume. Der Hirte flötet und der Wiederhall; Zur grünen Alpe kehrt die Herde wieder,
Weithin ertönt der frohe Glockenschall. Der Wildbach stürzt vom Klippenhange nieder, Ein Freudenthränenstrom, dem Lenz entgegen; Es sonnen sich der Alpe Felsenglieder
Im warmen Schein, der Frühling klimmt verwegen Zum Schneeberg auf und ruft ihn jubelnd wach: Der schüttelt sich den Winter ab, den trägen, Und schleudert ihm Lawinendonner nach;
Voll Sehnsucht harrt er schon der Alpenrose, Der holden Freundin, die der Lenz versprach, Die jährlich ihn beschleicht auf weichem Moose. — So zieht der Lenz herum in allen Gauen,
Verschwendet rings die schönen Freudenloose; Doch Einen weiß ich, der ihn darf nicht schauen, Und nicht, was Gott durch ihn gesandt, genießen, Weil öde Kerkerwände ihn umgrauen,
Schmachvolle Fesseln ehern ihn umschließen. Nicht hört er Vogelsang im Walde tönen, Nicht sieht er, wie so schön die Blumen sprießen. Er hört nur seinen eignen Jammer stöhnen,
Für Nachtigallensang und Taubengirren Hört er die Wand sein Klagen wiederhöhnen, Und, regt er sich, die Eisenkette klirren. Kein Strahl des Frühlings konnte mit Erbarmen,
Ein süßer Tröster, sich zu ihm verirren; Er darf an Gottes Sonne nicht erwarmen, Nur Nacht, nur Nacht, das schwarze Ungeheuer, Hat man mit eingesperrt zu diesem Armen.
In seinem Herzen brennt ein wildes Feuer Von Rache, Schmerz, von unverdienter Schande, Von Sehnsucht nach so Manchem, das ihm theuer. Oft springt er auf, gejagt vom innern Brande,
Er flucht, er sucht sein Schwert, er will hinaus: Doch Hohngelächter rasseln seine Bande, Und felsenfest verschlossen bleibt das Haus. Ermattet sinkt er auf das faule Stroh,
Und bittrer Wehmuth weicht des Zornes Braus; Dumpfschweigend sitzt er da, und starret so Das schwarze Ungeheuer an, die Nacht. Ob Stunde, Mond und Jahr vorüberfloh,
Er konnte dessen haben keine Acht; Ihm wird in seiner dunkeln Haft die Zeit, Die Glücklichen enteilt mit Sturmesmacht, Zur gliederlosen, starren Ewigkeit.
Soll zählen er sie wohl nach seinen Thränen? Und messen, wie sie noch vom Grabe weit, Nach dem Unendlichen, nach seinem Sehnen? — Er wird sein hart Geschick nicht überdauern,
Und hofft er dies, es ist ein eitles Wähnen; Denn „sterben soll er in den Kerkermauern!“ So klangen seines Richters finstre Worte, Des Mannes ohne Mitleid und Bedauern.
Sein Flehen schlägt vergebens an die Pforte: „gib mir, o Gott, bevor das Herz mir bricht, „nur einen Schritt aus diesem Qualenorte, „nur noch ein Auge voll von deinem Licht!
„dann laß mich sterben immerhin zur Stelle, „ich klage meiner Todesstunde nicht! „mag dann mein Leichnam auf der Kerkerschwelle, „o Herr, an deinem Lichte noch sich sonnen!
„so wie der müde Wandrer an der Quelle „schlaf' ich an deinem süßen Strahlenbronnen, „und träume, was ich sterbend noch empfunden, „o Freiheit! Freiheit! alle deine Wonnen!“ — —
Warum hat der ein solches Loos gefunden? — Er fleht umsonst, er hat zu viel verbrochen, Hat sich des Allzukühnen unterwunden, Die Wahrheit dem Tyrannen laut gesprochen,
Und ihm erzählt der Menschen bangen Fluch; Er hat gerüttelt an den blut'gen Jochen. Darauf verhänget der Gesetze Buch Den Tod, — der Zwingherr hat es selbst geschrieben —
Ein jedes Blatt der Freiheit Leichentuch! Und daß der Kühne lebend noch geblieben, Dankt er allein des Herrschers milder Gnade; Sie will zu schonen manchmal auch belieben,
Sie tödtet ihn nicht plötzlich und gerade. — Der Thor! er wollte Menschenliebe wagen, Und wußte doch, daß sie den Donner lade, Der in die Nacht sein Haupt nun hingeschlagen. —
Unheimlich wird dem Mörder dann zu Muthe, Bringt ihm ein Mahner aus vergangnen Tagen Das Kleid des Todten mit der Spur vom Blute, Und hält ihm vor das bleiche Angesicht,
Was manches Jahr im Grabesdunkel ruhte: Also behagt' es dem Tyrannen nicht, Daß es gewagt der edle, kühne Thor, Mit ihm zu gehen zürnend ins Gericht,
Die blut'ge Wahrheit ihm gehalten vor, Das Kleid, so einst die schöne Freiheit trug, Als sie geführt den vollen Freudenchor, Eh' des Tyrannen Faust sie frech erschlug. — —
Da weckt mich einer Quelle nahes Rauschen Zurück vom nächtlichen Gedankenflug. Ich seh' das schlanke Reh im Dickicht lauschen, Nun schrickt es auf, und fort ist seine Spur.
Süß mahnt mich, meinen Schmerz um Lust zu tauschen Mit Blüthen und Gesängen die Natur; Doch kann ich's meiner Seele nimmer wehren, Daß sie verfolge Trauerscenen nur,
Und sich für Blumen sammle bittre Zähren; Und in den Kerker dort zu Jenem wandre, Dem Dulder, bis der Tod, sein heiß Begehren, Aus einer Nacht ihn senket in die andre.
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