Nach langem Kampfe ist die Burg genommen; Wie schwelgt das Kreuzesheer in Rachewonnen! „Komm, heilger Geist!“ so singt der Priester Chor, Und was da lebt, muß sterben in Lavaur.
Nur eine Jungfrau überlebt den Tag, Die scheintot still in ihrem Sarge lag. Sie hörte nichts vom Lärm des letzten Sturmes Und nichts vom Niederkrach des festen Turmes;
Wie alles fiel, was sie geliebt hienieden, Verhüllte ihr ein falscher Todesfrieden. Nun wacht sie auf; wie stille! nicht ein Laut! Der Jungfrau, daß sie taub geworden, graut;
Sie prüft mit einem Schrei ihr Ohr, Sie hört – erschreckt von ihrem eignen Schalle, Denn sich nur hört sie; – „bin ich in Lavaur? Herbei! weh mir! o Gott, wo seid ihr alle?“
Sie stürzt hinaus und sieht entsetzt, warum Rings alles in der Burg so grabesstumm. Da liegen sie umher, Das Mädchen ruft: „Weh mir! lebt keines mehr?“
Doch niemand hört sie, niemand wird gewahr Und freut sich, daß entstiegen sie der Bahr. Sie sucht am Grund die Eltern, findt sie nicht, Und jedem Toten schaut sie ins Gesicht.
Sie sucht den höchsten Schreck an jeder Stelle Und findet ihn zuletzt in der Kapelle, Als hätte, wählend, jegliche Prachtblume Der Tod gespart zum Schmuck dem Heiligtume.
Dem Greise, der an Krücken sich geschleift, Ist schnell das Kind zum Sterben nachgereift; Dort ist die Brust der Jungfrau unverwehrt Vom Haupt des rohen Waffenknechts beschwert;
Ein Ritter dort, im Antlitz bleichen Zorn, Ins Auge eines Mönchs gedrückt den Sporn. Wie sind die teuren Züge, ach! entstellt, Auf welche jetzt der Blick des Mädchens fällt;
Doch kennt das Herz, die ihm die Nächsten waren, Am Kleid, am Wuchs, am Finger, an den Haaren. Die Jungfrau weint, nicht jene milden Zähren, Die uns ein Unglück lindern und verklären,
Dem Mädchen, wie's die Elternleichen schaut, Des Irrsinns Nebel von den Wimpern taut. Sie springt ans Christusbild dort am Altar Und ruft: „Du Armer! möchtest fort, nicht wahr?
Wie quälst du dich, hinaufzuziehn die Füße, Daß sie das Blut, das steigende, nicht küsse! Sie sind genagelt; – reut es dich? dich reuts, Daß du gekommen bist ans Kreuz!
Das alles, alles ist um dich geschehen! Wie bang sich deine Augen drehen! Hoch steigt das Blut, das bald den Fuß dir näßt, Ich zerr umsonst, der Nagel steckt zu fest,
Er haftet immer noch; Maria, hilf! Johannes, helft mir doch! Du armer Menschensohn, Wie sträuben sich die Dornen deiner Kron!
Wie wild die Angst um deine Lippen zückt! Ich fürchte mich vor dir, du wirst verrückt!“ – Sie flieht hinaus, da schrein die Raben Sie an: Willst du, was uns gehört, begraben?
Sie flieht und weint, und jedem nah und fern Klagt sie das traurige Geschick des Herrn. So klagend irrt durch Dörfer, Wald und Moor Und weckt Mitleid das Mädchen von Lavaur.
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