Alfar der Held in seinem Leben Hat Priestern nie Gehör gegeben; Und was die Albigenser sprechen, Ist ihm nicht minder fremd geworden
Seit jenem unvergeßnen Morden Zu Brom, seit jenem Augenstechen. Gern mag er die Erinnrung fragen Nach seinen goldnen Jugendtagen;
Und was ihm ohne Spur entschwunden, Sucht er bei Kindern zu erkunden. Auch dem von Schuld und Schicksal Kranken Gewährt oft flüchtiges Genesen
Bei frohen Kindern der Gedanken: So bin ich einmal auch gewesen. Wer seine Jugend überlebt, Wen unvergeßlich Leid getroffen,
Wem schal geworden jedes Hoffen, Für das er sehnlich einst gestrebt, Und wenn er kalt für Ruhm und Ehren, Kein Kuß ihm zündet mehr am Munde:
O könnt ein Zauber ihm gewähren, Ein Kind zu sein nur eine Stunde, Könnt er die Welt mit frischen Blicken Nur einmal noch und freudig sehen,
Es würd ihn stärken und erquicken, Bis das Geschick ihn heißt vergehen. Der Trübe spricht: „Wohl euch, ihr Kleinen, Daß ihr vom Glauben unvergällt
Noch treulich spüren könnt die Welt Und mit euch selbst es redlich meinen!“ Der Trübe spricht: „Doch währts nicht lange, So seid auch ihr ein Raub der Schlange;
Denn wem in dieser Zeit die Kunde Des Glaubens naht, der geht zu Grunde. Glaubt er, so ists um die Natur getan, Die er hinopfert seinem Wahn;
Und siegt Vernunft, so muß der sterben, Und dem wird Haß die Welt verderben. Der Mensch mag glauben, zweifeln, wissen, Sein Leben ist vergällt, zerrissen.“ –
Ein Schreck ergreift die Leichenwacht, Wenn auf der Bahr in stiller Nacht Vom Scheintod wach ein Mensch sich regt, Den sie zu früh dahin gelegt;
Und faßt euch nicht ein tiefres Grauen, Läßt sich vor euch ein Toter schauen Mit scheinlebendiger Gebärde, Der besser läg im Schoß der Erde,
Weil jede Glut in ihm verlodert Und längst sein bestes Leben modert? Der Todeskenner nur erschrickt, Wenn er ein solch Gespenst erblickt.
So haust Alfar auf seinem Schlosse, Nichts kann ihm Leid noch Freude schaffen, Im Stalle feiern seine Rosse, Und Rost verdunkelt seine Waffen;
Das Wild im Forst mag ruhig schreiten, Er jagt nicht mehr in diesen Zeiten, Seit auf sein Kind geschah ein Jagen Und Priester ihm den Sohn erschlagen.
Der Schmerz, die Wut, die Rache tobten In seiner Brust und in der Schlacht, Und Feinde starben, Freunde lobten, So flog ein Jahr wie eine Sturmesnacht.
Dann war es still und ausgestorben In seiner Brust und jedes Glück verdorben. Wie nach Gewittern wilde Bäche Auf grün lebendger Wiesenfläche
Nur Steingeröll zurücke lassen, Ließ ihm den Tod zurück sein wildes Hassen. Er wandelt einsam, kalt und wüst; Wenn freundlich ihn die Sonne grüßt,
Er dankt ihr nicht; er wünscht im Hain, Wenn alles grünt und schallt von Liedern, Es möchte dürr und stille sein; Er fühlt nur noch ein kühles Widern.
Zur Abendzeit der Ritter stand An seines Schlosses Felsenrand. Die Sonne leuchtet in das Tal, Und lächelnd schaut er ihren Strahl,
Indem er ihr die Worte spricht: „Es ist umsonst, bemüh dich nicht, Die Flur zu schmücken und zu nähren, Die sie vielleicht noch heut verheeren!
Und doch warum? – weil die verneinen, Was die vielleicht zu glauben meinen. Auf seines Herzens tiefstem Grund Sitzt auch dem gläubigsten Gesellen
Der Zweifel als ein wacher Hund, Den Nazarener anzubellen. Ja! Innozenz Ischariot Hat auch verraten seinen Gott
An seine Furcht und banges Zagen, Daß Ketzer Christum noch verjagen; Er traut nicht seinem Machtbestand, Drum dient er ihm mit Schwert und Brand;
Schon sieht er ihn hinausgestoßen, Der Götterwandrung angeschlossen. Was selbst er nur mit halben Kräften Vermag zu glauben und zu halten,
Sucht er mit herrisch frechem Schalten Der Welt gewaltsam anzuheften. Wenn ich es höre, wie sie reden Von Gott und ihren Glaubensfehden,
Wie Haß und Wahn die Welt entzweiten, Wie Fabeln gegen Märchen streiten; O grauser Abscheu, tödlich kalt, Der mir die Brust zusammenkrallt!“
So sprach der Wilde vor sich hin Und sieht im Tal zwei Wandrer ziehn Und jetzt den Pfad der Burg erklimmen, Laut streitend mit erhitzten Stimmen.
Sie fegen rüstig mit den Händen, Um ihren Worten Kraft zu spenden Und auf dem Steilpfad mit den Füßen Das Gleichgewicht nicht einzubüßen.
Der eine – Mönch, der andre – Krieger, Will jeder sein im Streite Sieger: Was Christus mit dem Felsgesteine, Worauf sein Bau gegründet, meine? –
Alfar aus kalter Seele lacht Und ruft hinunter: „Habet acht! Dies ist der einzige Felsen, traun! Worauf sich läßt auf Erden baun!“
Mit leichtem Tritte stoßt der Heide, Zu schlichten ihren lauten Hader, Hinunter einen losen Quader, Und in den Abgrund stürzen beide.
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