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1802–1850

Abschied von Galizien.

Nikolaus Lenau

Lebt wohl, lebt wohl, ihr trauten Lindenbäume, Die ihr an's stille Vaterhaus euch schmiegt! Ihr seyd die Zeugen meiner Jugendträume, In die mich euer Flüstern oft gewiegt.

Nahm auch dem Knaben einst auf Augenblicke Ein eingebildet Unglück seine Ruh', Und kam er trostlos dann zu euch zurücke, So rauschtet ihr ihm Trost und Freude zu.

Von meinen frohen Spielen seyd ihr Zeugen, Von meinem raschen, leichten Jugendsinn, Nun säuselt Wehmuth mir aus euren Zweigen, Die Tage meiner Jugend sind dahin!

Sie sind dahin! — Ein Knabe noch vor Jahren, Nehm' Abschied heute ich als Mann von euch; Ich ziehe fort zu Thaten und Gefahren, Es gilt der Tyrannei den Todesstreich.

So lebet wohl! — Du Werkzeug meiner Spiele, Das einst ich trug, du kleines Schwert von Holz! Sey nun ein Blitz in der Gewitterschwüle, Du Ritterschwert, sey des Sarmaten Stolz!

Lebt wohl, Geschwister! mög' euch Gott bewahren! Ich bin ein Pole bis zum letzten Hauch! Hurrah! ihr vaterländ'schen Heldenschaaren! Leb' wohl, du mein geliebtes Mädchen auch! —

Schmach, Jüngling, dir! hält dich der Glanz von Thränen Zurück vom ewig hellen Waffenglanz! Dir, Jungfrau, Schmach! die du, bei Polens Sehnen Nach Freiheit, nun empfängst den Myrtenkranz!

Das Herz des Polenmädchens darf nur schlagen Dem Edlen, dem vor Schlachten nimmer graut, Der gerne will die Todeswunde tragen, Wenn nur sein Schwert das Sklavenjoch zerhaut!

Schmach, Mutter, dir! den du zur Schmach geboren, Umklammre deinen Sohn! entlass' ihn nicht! Der Freiheit Ruf schlug nicht an seine Ohren, Er fühlt für Polen keine Kindespflicht!

Dem Vater Schmach! — — doch dort, mit Silberhaaren, Wer ist der schwache Greis in Kriegertracht? Du Alter, läßt du Weib und Kinder fahren? Kehrst du vom Grabe um, und wankst zur Schlacht?

„ich habe Weib und Kinder Gott befohlen! „mein Haupt ist weiß, es zittert meine Hand; „doch kämpf' ich mit den heil'gen Kampf der Polen; „wohl mir! ich folge meinem Vaterland!“

„und möge nicht mein Vaterland verschmähen „des schwachen Greises ärmlichen Tribut: „dies treue Herz, das bald wird stille stehen, „und, der es noch erwärmt, den Tropfen Blut.“

So opfre ihn! komm, komm zu jenem Hügel, Den unsre Schaaren decken, eilen wir! Der weiße Adler lüftet seine Flügel, Bald wird sein Auge flammen für und für!

Lebt wohl, Geschwister! mög' euch Gott bewahren! Mir nach! wer Pole bis zum letzten Hauch! Hurrah! ihr vaterländ'schen Heldenschaaren! Leb' wohl, du mein geliebtes Mädchen auch!

O weine nicht, bin ich dir nun entschwunden, Und theile mit der Freiheit du mein Herz; Sie sey Gespielin dir in bangen Stunden, Und sterb' ich, mag sie trösten deinen Schmerz!

Mein Liebchen, ich empfehle dich dem Himmel! Hurrah! Sieg oder Tod im heil'gen Streit! Kanonendonner pocht im Schlachtgetümmel Wild an die Pforten schon der Ewigkeit! —

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