Skip to content
1802–1850

2.

Nikolaus Lenau

Horch! plötzlich stört ein Ruf die Einsamkeit: Klang's nicht aus der Kapelle öden Mauern? Wer ist es, der so wunderlich dort schreit, Daß mich's unheimlich faßt mit kaltem Schauern?!

„herr Gott! wir loben dich — ha, ha, ha, ha!“ Nun schweigt er still, der grause Gottverächter; Und donnernd ruft er nun: „Alleluiah!“ Und überdonnernd folgt sein Hohngelächter.

Da stürzt er sich vorbei voll scheuer Hast, Das wirre Haar von bleicher Wange streifend, Die Augen wild bewegt und ohne Rast, Irrlichter, in der Nacht des Wahnsinns schweifend.

Er eilt waldein, von seinem Tritte rauscht Das dürre Laub im dunkeln Eichenhaine; Wie sinnend bleibt er plötzlich stehn und lauscht, Und leise hör' ich's nun, als ob er weine.

Mitleidig rauscht ihr ihm, — o rauschet nur! — Den Trost: „Vergänglichkeit!“ ihr welken Blätter! O locket seine Seele auf die Spur Des milden Todes, nennt ihm seinen Retter! —

Zur sanften Wehmuth lichtet sich das Thal, Dort kommt der Mond zum stillen Abschiedsfeste, Es will sein Silberschimmer noch einmal Sich schmiegen an des Sommers karge Reste.

Wie schwach ist schon der Eiche fahles Laub! Den leichten Mondstrahl kann es nicht mehr tragen; Es bricht und zittert unter ihm in Staub, Und läßt die kahlen Aeste traurig ragen. —

Da steht der Irre, bleich und stumm, den Blick, Das bittre Lächeln auf den Mond gerichtet, Es prallt das Mondlicht scheu von ihm zurück, Und scheu der Wind an ihm vorüberflüchtet.

Starrt so des Wahnsinns Auge wild hinauf Zum stillen, klaren, ewiggleichen Frieden, Mit dem die Sterne wandeln ihren Lauf: Ein Anblick ist's der traurigsten hienieden. —

Was hat, o Schicksal, dieser Mensch gethan, Daß mit des Wahnsinns bangen Finsternissen Du ihm verschüttet hast die Lebensbahn, Aus seiner Seele seinen Gott gerissen?

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
2. · Nikolaus Lenau · Poetry Cove