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1658

Der Wolf und das Pferd

Jean de La Fontaine

Im Lenz, da linder Wind Die Kräuter weckt und schmückt Mit grünem und mit buntem Kleide Und Ziege, Roß und Rind,

Dem engen Stall entrückt, Nach Nahrung gehn auf frischer Weide, Da sah ein Wolf ein Pferd beim Schmaus. Malt selbst euch seine Freude aus!

Er sagte: „Gute Jagd für den, der es bezwingt. Ach, wär es doch ein Schaf! Dann wär es unbedingt Mein nächstes Mahl. Doch so muß ich mich plagen, Ob mir's durch List und Hinterlist gelingt,

Dem großen Tier die Zähne ins Genick zu schlagen.“ Er nahm gewichtige Miene an, Trat als ein Schüler des Hippokrates heran Und sprach, er kenne alle die geheimen Kräfte

Der Wiesenkräuter, alle Säfte, Und schlage jede Art von Krankheit bald in Bann. Herr Renner möge ihm nur nichts verhehlen; Daß er hier weide so von Zaum und Zügel frei,

Beweise ihm, es müsse irgendwas ihm fehlen. Er möge ihm, dem Wolf, bekennen, was es sei, Dann gebe er ihm kostenlos die Arzenei. „Ich habe,“ sprach das Pferdevieh voll List,

„Einen Abszeß am Fuß. Kannst du mich heilen, nun, so tu's.“ „Es gibt kaum einen Teil, der so empfindlich ist,“ Entgegnete der Arzt, „indes ich diene gern

Auch als Chirurg dem Herrn.“ Der Bursche glaubte schon, gekommen sei die Frist, Da er den Kranken packen könne hinterrücks; Jedoch der ahnungsvolle Gaul

Versetzt der Bestie einen Hufschlag augenblicks, Der Marmelade macht aus ihrem Mördermaul. „Der Schuster soll bei seinem Leisten bleiben. Ich wollte hier den Medizinmann spielen

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