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1658

Der Fuchs und der Wolf

Jean de La Fontaine

Wie kommt's, daß uns so oft Äsop Gesungen hat des Fuchses Lob – Sein Lob als allerschlauster Wicht? Ich such den Grund und find ihn nicht.

Wenn ich den Wolf mit ihm vergleiche: Hat der sich seiner Haut zu wehren, Lockt den nach Beute sein Begehren, So übt er wohl noch beßre Streiche.

Ich glaub's – und wäre ich nur dreister, So widerspräche ich dem Meister Und seiner anfechtbaren Lehre. Doch hier ein Fall, wo alle Ehre

Tatsächlich dem gebührt, der Malepart bewohnt. Kreisrundes Bild, das ihm ein voller Käse schien. Zwei Eimer dienten da, wechselnd das Naß zu ziehn, War einer oben, hing der andre in der Tiefe.

Nun war dem Hungerherrn, Als ob der Käse riefe, Er möchte herzlich gern Von ihm gefressen sein;

Und also stieg er in den obern Eimer ein Und sauste nieder – um den Irrtum einzusehen. O welche Not! Er sieht, es ist um ihn geschehen. Wie könnt er je zurück, wenn nicht ein andrer käme

Und gleich wie er berückt den andern Eimer nähme, Daß seiner wieder aufwärts stieg zum Brunnenrand? Zwei Nächte hatten merklich jetzt, wie ihr begreift, Das volle Rund des Monds am Rande ausgeschweift.

Den Faun, der Gott, aus Ios Milch geknetet hat! Selbst Jupiter gewänne, wär er krank, Durch ihn den Appetit zurück Nach seinem edlen Nektartrank.

Ich aß vom Rande hier ein Stück, Der Rest wird dir als Mahl genügen. Ich gönnte keinem andern,“ fuhr er fort zu lügen, „Ein solch olympisch Schlemmerglück,

Nur dir, mein liebster Freund, allein. Genieße dies mit vollen Zügen. Steig in den Eimer oben ein, Den ich für dich dort hingehängt,

Und fahr herab, um hier so recht vergnügt zu sein.“ Hübsch war die Rede ausgeschmückt. Der Wolf ist Narr genug, daß er sich selber fängt. Der Rote lacht, wie alles glückt.

Der Eimer sinkt, und sein Gewicht Entführt den andern Teil: Es steigt der Fuchs zum Sternenlicht, Nicht zu des Wolfes Heil.

Doch spottet dieses Toren nicht! Ihr selber laßt euch gern und oft Verführen von so ungewissen Dingen. Gar leicht ist's, euch in gleiche Not zu bringen,

Da jeder glaubt, was er erhofft.

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