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1758–1818

Sulvina .

Gotthard Ludwig Kosegarten

Welches Dunkel bewölkt des Dichters glän- zende Seele? Warum meidest du, Sohn des Gesanges, den Tag und die Menschen,

Seufzest zur Sonn' empor: „Vergib, du Holde, du weissest, Dass ich dich liebe. Doch eil' in deinem strahlen- den Laufe,

Eile nur heute hinunter, und rufe dem Abend.“ — Und kommt nun Kühl und schaurig der Abend, so wandelt der Träumende draussen

Im vertraulichen Schatten, in duftenden Gärten, auf Hayden, Graugelockt, am schwatzenden Quell, im bethauten Gefilde

Zwischen den fluthenden Weizensaaten. Es findet ihn einsam Wallend die heilige Nacht. Arkturus sinken und Gemma;

Hyas steigen und Plejas; es steigt die neblichte Mira. Aber er wandelt fort in seiner schweigenden Trauer,

Kreuzet die Arm', und senket den Blick — O Sohn des Gesanges, Welche Dämmerung hüllt des Dichters selige Seele?

Selig nanntest du mich? Seit wann, o Tochter Sulvias, Blühet Seligkeit diesseit der Sterne? Die Thräne des Grames —

Hat sie nicht oft mir den Blitz der Augen gelöschet, nicht öfter Die erblassende Wange gebadet? Sonne der Freude,

Lange schon kenn' ich dich nicht. Es hatten die Wolken der Trauer Dicht und düster dich eingehüllt. Und blickst du mir einmal,

Siehe! so ist es ein Blick in langen regnichten Tagen. Höre meinen Gesang, des Gesangs tieffühlende Freundin.

Deine Seel' ist sanft und traurig, wie Mondenge- dämmer. Lange gewohnt ist dein Ohr der Klage, der Thrä- nen dein Auge.

Dass der verschlossene Gram in deine Brust sich ergiesse, Dass das gebrochene Herz sich an das deinige lehne,

Wandelst du, unter Geringern ein höheres Wesen. Vernimm denn Edle, meinen Gesang. Ihn wecken Klagen der Vorzeit.

Garmins Felder sind schön in der Insel der Stürme. Vor andern Hab' ich sie reizend und schön erfunden. Die Nebel des Morgens

Lagen dämmernd auf ihr. Es enttauchten dem Meere des Nebels Mählig der Berge grünende Häupter, der stattlichen Eichen

Nickende Wipfel. Sie brannten im Feuer des Auf- gangs. Im Frühthau Glänzten die Saaten der bärtigen Gerste, des kräf- tigen Weizens.

Auf den kristallnen Bächen, wie tanzte die Rose des Morgens! Auf den silbernen Teichen, wie ruderten prächtig die Schwäne!

Aus den duftenden Gärten, wie hauchten die Nelk' und das Geissblatt! Wie ich dich sah, weitblühendes Garmin, vergess' ich dich nimmer!

Garmins Gefilde beherrschte vor Zeiten ein grauer Gebieter, Walldron, berühmt in Thaten der Jagd. Den grimmigen Keuler

Wusst' er zu finden im hallenden Forst, die Fährte des Sprossers Zu erkunden im Dickicht des Waldes. Sein mäch- tiger Jagdruf,

Wenn er auf Forst und die Fluren. Walldrons Tochter war schön, so sagt die al- ternde Kunde,

Lieblich und schön war Locken; Ihre Reize so voll und frisch, wie Rosen im Frühthau;

Ihre Blüthe so wonnehauchend, wie Frühling nach Regen; Blau, wie Bläue des Himmels, ihr Auge; wie reifender Weizen

Ihr gelbringelndes Haar; wie auf dem Busen des Halbmonds Duftgewölk, der Schleier auf ihrem athmenden Busen.

Zärtlich war ihr Herz, und sanft des zärtlichen Mägdleins Knospende Seele. Sie war die Freude des grauen Gebieters,

Wenn er, von seinen Doggen umsprungen, zur Halle zurückkam. Ihre Gebärerin, niedergeworfen vom Arme der Krankheit,

Schmachtet' im ängstlichen Lager. Kein Strahl er- freuenden Tages Glitt in ihr dumpfes Gemach. Kein Schimmer bes- serer Zukunft

Hellte die Seele der Jammerumfangnen. Nur Edall- winens Nimmer launende Milde vermochte die Sieche zu letzen.

Dreyzehn Frühlinge spross im Garten des Vaters die Blume, Und nun öffneten ihr der Thau und die Sonne des Himmels

Leise die reifende Brust. Ihr Duft durchwehte den Garten, Dass des Athmenden Herz zerschmolz in ahnende Sehnsucht.

Rings aus nahen, aus fernen Gebieten der Insel der Stürme, Drängten sich um sie her die Edeln. Unter den Hufen

Ihrer Rosse donnerten Garmins Pflaster. Die Hal- len Toseten von dem Gepränge der Freyer des lieb- lichen Fräuleins.

Aber dem Fräulein von Garmin war besser im Dunkel der Laube, Besser am flisternden Bach', als in des Pallastes Getümmel.

Süsser war ihr das Kosen des Quells, als das Schwatzen der Freyer, Süsser der Nachtigall Flöten, als aller Tumult der Konzerte,

Schöner die sternige Nacht, als der kerzenstrahlende Tanzsaal. Einstens sass sie in ihrer vertraulichsten Laube. Das Geissblatt

Duftete rings um sie her. Der Abend mit bräun- lichem Arme Hielt die Schöpfung umfangen, wie seine Braut der Verlobte.

Sinnend sass sie und still, in ihrer geheimen Ge- danken Reine Ruhe gehüllt. Da stahlen sich klagende Töne

Mit dem Hauche der Nacht zu ihr hin. Aus moo- siger Hütte Jenseit des Gartenwalles wehten sie her. Ihr Ge- lispel

Schwebt' auf dem Fittig der Harfenklänge zur Laube des Fräuleins. „warum bist du so schön in deinen thauenden Locken,

Röthlicher Abend? Dein Freund jammert im einsamen Thal. Hier im Thal, am schwatzenden Bache, sitz' ich und sinne,

Sinn' und singe von dir, Fräulein mit son- nigem Haar. Ach, wo mag sie wohl itzt den reinen Athem verhauchen?

Wo ihr Auge glühn, wo ihr erschwellen die Brust? Schöner ist ihre Brust als die Brust der sich öffnenden Rose,

Hell ihr Lilienarm, würzig, wie Nelken, ihr Mund. Edallwina, wo bist du in deinen erröthenden Wangen?

Edallwina, für wen röthen die rosigen sich? Edallwina, um dich will ich mein Leben ver- trauern.

Kein verrathendes Ohr höre mein nächtli- ches Lied.“ Also sprach es im Lispeln der Harfe. Dem Fräulein von Garmin

Schlichen die Töne ins Herz. Sie brannte, sich selbst es verbergend, Zu erschauen das Antlitz des Harfenschlägers. Sie lehnte

Leise sich durch das Laubengegitter. Ihr flogen im Mondschein Hainings goldene Locken entgegen. Der zitternde Mondstrahl

Glitt hellsilbern zurück von den bebenden Saiten. Das Fräulein Stand und harrte. Dem hochaufklopfenden Busen entschlüpften

Ahnende Seufzer. In Sehnsucht zerschmolz ihr thrä- nendes Auge. Haining erhob den strömenden Blick, und drü- ben im Garten

Sah er dämmern die Formen der zierlichen Bildung. Das Flattern Ihres Schleyers wähnt' er zu sehn, und den Kranz in den Haaren.

Ach, da ward es ihm wohl und bang' im kämpfen- den Herzen. In der süssen Verwirrung ergriff er die Harf', erhob sich —

O des Blöden! — und schritt hinunter in tieferes Dunkel. Aber seit diesem Abend, wie ward es dem Fräu- lein von Garmin

So gar anders im Herzen! Ein Sehnen und Schmach- ten nach Liebe, Ein leisahnendes Vorgefühl ihrer Freuden und Schmerzen,

Ihres trunkenen Blickens, und ihres schüchternen Hinnahns, Ihres schnellen geflügelten, lebendurchschütternden Handdrucks,

Ihrer plötzlichen, stürmischen, raschgewagten Um- armung, Ihres mühsam entrissnen, gestammelten ersten Be- kennens,

Ihres seelewechselnden, seeleberauschenden Kus ses, Ihres Ruhens Wang' an Wang', und Busen an Busen,

Ihres Vergehens im Wonnemoment des süssen Ge- nusses, Ihres Entzückens und ihres Ermattens — o Tochter Sulvills,

Alles des Zaubers drängte sich leises gefährliches Ahnen In des Mädchens Herz. Aus ihrem züchtigen Busen

War die Ruhe gewichen, aus ihren Gedanken die Stille. Sinnend weilte sie unter den Blumen, der Blumen vergessend.

Aus dem Schlummer der Nacht verstörten sie ängst- liche Träume. Haining, Haining, wie dass du der traulichen Stunde nicht wahrnahmst!

Hättest dir offen gefunden das Herz des zärtlichen Mädchens, Hättest sie durch das Leben geleitet, ein rettender Schutzgeist.

Haining, Haining, wie dass du, zu blöde, nicht wagtest die Hoffnung! Warst ja edlerer Seele, wenn gleich nicht edleren Blutes.

Sieben Nächte durchwachte das schwärmende Mädchen. Die achte Träumte sie schwer. Ihr däucht' am Busen des reizendsten Jünglings

Lustberauscht zu ruhn. In Schauerentzücken zer- flossen, Fühlte sie sich in seinen umflechtenden Armen — und plötzlich,

Plötzlich — o Schrecken! entschlüpft ihr der Buhle, verwandelt, vergrässlicht Sich in ein zähnefletschend Gespenst, erhebet sich, schwingt sich

Laut hohnlachend hinweg. So träumte sie. Plötz- lich erwachend Hört sie im Hofe das Rufen des Gäste verkünden- den Herolds,

Schürzt ihr Gewand, springt auf vom Lager, und eilet ans Fenster. Siehe, da sprangen die Flügel der Thor' ausein- ander. Ein Reiter

Sprengete stattlich herein auf schnaubendem Rosse. Sein Panzer Glänzt' in der Sonne; es glänzten des Schildes Buckeln. Der Helmbusch

Brauste gewaltig von oben herunter. Und als er die Spangen Lösete, flammten, wie Sonnen, die Augen, flammten die Wangen

Aus dem Visir hervor. Es war des Thales der Rehe Stolzer Gebieter, an Kraft und Wuchs, und Läng' und Geberde

Herrlich vor allen Gebietern des Landes. Die Flamme der Jugend Lodert' ihm mächtig durch Nerven und Mark; die strotzenden Adern

Schwellte sie, bräunte die Wang', und entblitzte dem Auge. Sein Haupthaar Schwarzgelockt, floss prächtig herab um die her- rische Stirne.

Also königlich trat er einher; und wo er einher- trat, Flogen der Mädchen Herzen ihm zu. Die Busen von

Brannten für ihn. Es zuckten die weissen Arme Slimorens Heissverlangend nach ihm. Allein dem Tückischen wohnte

Falschheit im Herzen. Schon manche der köstlich- sten Blumen des Landes Hatt' er gepflückt, geknickt, und niedergetreten im Staube

Liegen lassen und welken. Ach, hüte dich, Blume von Garmin! Hüte dich, dass dem Frevler dein schlanker Halm nicht falle!

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